„Umweltschutz und menschliche Würde sind ein und derselbe Kampf"

Karl Kübel Preisträgerin Wanjira Mathai im Interview

Im Interview erzählt Wanjira Mathai von prägenden Erfahrungen, Werten und ihrer Arbeit. © Wanjira Mathai

Die kenianische Sozial- und Umweltaktivistin Wanjira Mathai wurde heute in Bensheim mit dem mit 25.000 Euro dotierten Karl Kübel Preis ausgezeichnet. Die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie ehrt damit Mathais außergewöhnliches Engagement für Kinder und Familien in Verbindung mit ökologischer Verantwortung. 

Wanjira Mathai verantwortet den Bereich Afrika und globale Partnerschaften beim World Resources Institute, einer internationalen Forschungsorganisation und Denkfabrik, die sich für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung einsetzt. Sie ist die Tochter der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, die das Green Belt Movement ins Leben rief und sich für Demokratie einsetzte. Wanjira Mathai setzt die Arbeit ihrer Mutter mit der von ihr gegründeten Wangari Maathai Foundation fort. Welche Vision sie verfolgt, welche Werte sie vermitteln will und wie sie das Erbe ihrer Mutter weiterentwickelt, erklärt sie im Interview mit der Stiftung. 

Karl Kübel Stiftung: Welche Erfahrung hat Sie am tiefsten geprägt und wie beeinflusst sie heute Ihr Engagement für Kinder, Familien und die Umwelt?

Wanjira Mathai: Die prägendste Erfahrung für mich war kein einzelner Moment. Es war das Aufwachsen mit dem Blick darauf, wie meine Mutter, Wangari Maathai, die harte, unscheinbare Arbeit des Baumpflanzens mit Frauen auf dem Land verrichtete und zugleich dafür sorgte, dass gerade sie von dem Geld profitierten, das sie so mühsam einwarb. Das war lange bevor jemand es eine Bewegung nannte und lange bevor es sicher oder überhaupt akzeptabel war, mit dem Green Belt Movement in Verbindung gebracht zu werden. Ich erinnere mich an die Schikanen, die Verhaftungen, den Spott. Und ich erinnere mich an die stille Würde der Frauen in den Dörfern, die ihr vertrauten und trotzdem weiter pflanzten.

Früh hat mich das gelehrt: Umweltschutz und menschliche Würde sind ein und derselbe Kampf. Man kann einen degradierten Wald nicht von einer kämpfenden Familie trennen oder ein ausgetrocknetes Flussbett von einem hungrigen Kind. Diese Überzeugung, dass ökologische Gesundheit und menschliches Wohlergehen gemeinsam steigen und fallen, ist der rote Faden, der sich durch alles zieht, was ich heute tue – von meiner Arbeit beim World Resources Institute bis zur Leitung der Wangari Maathai Foundation.

Welche Vision leitet Ihre Arbeit?

Meine Vision wird von dem Glauben geleitet, dass wir keines unserer Klima- oder Entwicklungsziele erreichen werden, wenn wir so viele Menschen zurücklassen. Wir brauchen eine Haltung radikaler Inklusion. Ich bin außerdem der Überzeugung, dass blühende Landschaften und Menschen, denen es gut geht, keine konkurrierenden Prioritäten sind, sondern ein einziges Ergebnis. Die Wiederherstellung degradierter Flächen sollte auch Lebensgrundlagen, Würde und Chancen wiederherstellen. Das gilt besonders für Frauen, Jugendliche und indigene Gemeinschaften. Wir wissen bereits, wie man Entwicklung inklusiv gestaltet. Was mich beunruhigt, ist, dass die Ungleichheit wächst, obwohl die Instrumente zu ihrer Umkehr in greifbarer Nähe liegen.

Wie messen Sie den Fortschritt auf dem Weg zu Ihren Zielen?

Ich messe den Fortschritt auf mehr als einer Ebene. Es gibt harte Zahlen wie Hektar Land in Wiederherstellung, gepflanzte Bäume und Einkommen, das durch grüne Lebensgrundlagen entsteht. Zunehmend messe ich Fortschritt aber auch mit einer schärferen Frage: Wer gewinnt und wer bleibt außen vor? Erhalten Gemeinschaften echte Eigentümerschaft an der Arbeit oder nehmen sie nur am Plan von jemand anderem teil? Treten junge Menschen in Führungsverantwortung oder stehen sie am Rand? Wurzeln Werte wie Verantwortung, Mut und Dienstbereitschaft in der nächsten Generation? Wenn Bäume wachsen, aber die Ungleichheit bleibt oder die Werte nicht greifen, dann sind wir nicht wirklich erfolgreich. Wachstum, das Menschen zurücklässt, ist kein Fortschritt.

Durch die Wangari Maathai Foundation führen Sie das Vermächtnis Ihrer Mutter fort. In welcher Hinsicht haben Sie ihren Ansatz weiterentwickelt und welche Elemente haben Sie bewusst bewahrt?

Das Vermächtnis meiner Mutter hat mehrere Dimensionen und ich bin an jede mit demselben Instinkt herangegangen: das Fundament dessen zu bewahren, was sie inspiriert hat, und dann die Infrastruktur zu bauen, die Wachstum ermöglicht.

Echter Umweltwandel beginnt mit gewöhnlichen Menschen, besonders Frauen, die in ihren eigenen Gemeinschaften direkt handeln. Wir wissen, dass Courage und ökologische Wiederherstellung untrennbar sind. Diese Arbeit setzt sich durch das Green Belt Movement fort, weiterhin verwurzelt in Gemeinschaftsweisheit und -führung. 

Im Bereich Bildung glaubte meine Mutter, dass Wissen ohne Praxis unvollständig ist. Sie war überzeugt, dass Gemeinschaften mehr als Informationen brauchen, nämlich Werkzeuge, die sie tatsächlich anwenden können. Diesen Gedanken haben wir durch das Wangari Maathai Institute for Peace & Environmental Studies fortgeführt. Wir stellen sicher, dass Bildung darauf ausgelegt ist, die Lücke zwischen Wissen und Praxis zu schließen.

Mit Blick auf die nächste Generation haben wir ihr Denken weiterentwickelt. Meine Mutter glaubte an das Potenzial der Jugend. Wir haben darauf aufgebaut, indem wir darauf bestehen, dass Ermächtigung früh beginnen muss. Kinder, die körperliche Erfahrungen in der Natur machen, entwickeln den Instinkt, sie zu schützen. Außerdem binden wir junge Menschen nicht nur als zukünftige Umweltschützer ein, sondern als zukünftige zivilgesellschaftliche und politische Führungskräfte.

Ihr ganzheitlicher Ansatz verbindet ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit. Können Sie ein Beispiel teilen, das diese Verbindung besonders gut veranschaulicht?

Ein Beispiel ist unsere Arbeit mit indigenen und waldnahen Gemeinschaften in wichtigen Waldgebieten der Welt, die lange von Entscheidungen über genau jene Wälder ausgeschlossen waren, die sie seit Generationen geschützt haben. Wenn wir diese Gemeinschaften dabei unterstützen, formale Rechte an ihrem Land zu sichern und nachhaltige Lebensgrundlagen aufzubauen, zum Beispiel durch Imkerei, Agroforstwirtschaft, Brandpräventionsmanagement und gemeinschaftlich geführtes Monitoring, geschieht etwas Kraftvolles: Die Waldflächen verbessern sich, weil die Menschen endlich einen echten Anteil an ihrem Fortbestand haben – nicht trotz ihrer Präsenz.

Umweltschutz, der Gerechtigkeit ignoriert, scheitert oft, weil er Menschen als Problem und nicht als Lösung betrachtet. Wenn man jedoch Ungerechtigkeiten wie unsichere Landrechte oder den Ausschluss lokaler Gemeinschaften von wirtschaftlichen Chancen angeht, folgen die ökologischen Ergebnisse. Man kann eine Landschaft nicht nachhaltig wiederherstellen, während man die Menschen, die auf ihr leben, zurücklässt. Für uns ist ökologische Verantwortung intrinsisch mit sozialer Gerechtigkeit verbunden. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.

Die Wangari Maathai Foundation investiert früh in Kinder und junge Menschen. Welche Werte möchten Sie der nächsten Generation mitgeben?

Bei der Wangari Maathai Foundation glauben wir: Man kann nicht schützen, was man nicht liebt, und man kann nicht lieben, was man nicht versteht. Der erste Wert, den wir vermitteln wollen, ist daher Verbundenheit. Darunter verstehen wir eine echte, praktische Beziehung zum Land, zu den Bäumen, zu den Flüssen. Meine Mutter sagte immer, das Baumpflanzen sei fast zweitrangig: entscheidend sei, was es in den Menschen wecke.

Aus dieser Verbundenheit fließen die anderen Werte, die wir priorisieren: Verantwortung, also das Verständnis, dass jede Generation Hüterin, nicht Eigentümerin ihrer Umwelt ist; Mut, also die Bereitschaft, sich manchmal auch gegen Macht für das Richtige einzusetzen; und Dienst, also das Bewusstsein, dass Führung bedeutet, andere zu empowern, nicht nur sich selbst.

Welche Rolle spielen indigene Gemeinschaften bei der Bewältigung des Klimawandels in Kenia?

Indigene und lokale Gemeinschaften sind die Schutztruppen unserer grünen Naturräume an vorderster Front und oft ihre weisesten Architekt*innen. Lokale Gemeinschaften bewirtschaften seit Generationen nachhaltig Wälder, Weideländer und Wassereinzugsgebiete und nutzen Wissenssysteme, die lange vor der modernen Naturschutzwissenschaft entstanden sind. Sie verstehen Jahreszeitenmuster, Heilpflanzen, nachhaltige Beweidung und Waldpflege auf eine Weise, die formale Institutionen erst jetzt schätzen lernen. Wenn indigene Gemeinschaften gesicherte Landrechte haben und wirklich an Ergebnissen beteiligt sind, verbessern sich die Waldflächen. Außerdem wird die Biodiversität geschützt und die Resilienz gegenüber Klimaschocks wächst. Jede glaubwürdige Klimastrategie für Kenia – oder für Afrika insgesamt – muss diese Gemeinschaften ins Zentrum stellen: als Partner*innen und Entscheidungsträger*innen, nicht nur als Umsetzer*innen fremder Pläne.

Bei der Verleihung des Karl Kübel Preises wurden auch die Preisträger*innen des FAIRWANDLER-Preises geehrt – junge Sozialunternehmer*innen, die sich für eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt einsetzen. Welchen Rat würden Sie ihnen geben, damit ihre Initiativen langfristige Wirkung entfalten?

Vier Erfahrungen aus meinem eigenen Weg und dem meiner Mutter möchte ich anbieten:

Erstens: Verankern Sie Ihre Arbeit in einer echten Beziehung zu den Menschen, denen Sie dienen. Nachhaltige Wirkung entsteht von unten nach oben – mit Gemeinschaften als Miteigentümern der Lösung, nicht als Empfängern eines externen Konzepts. Hören Sie länger zu, als Sie denken.

Zweitens: Bauen Sie auf Resilienz, nicht auf Applaus. Die Anfangsjahre werden hart sein, oft unsichtbar und selten belohnt.

Drittens: Denken Sie in Systemen und schmieden Sie Partnerschaften bewusst. Keine einzelne Organisation verändert ein Land. Verbinden Sie Ihre Arbeit mit Politik, mit Märkten, mit anderen Veränderungsakteuren. 

Und schließlich: Schützen Sie auf dem Weg Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre Freude. Diese Arbeit ist generationenübergreifend. Sie pflanzen Samen, von denen Sie vielleicht nicht erleben, wie sie zu Bäumen werden. Teilen Sie sich Ihre Kräfte entsprechend ein.

 

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