Ihr Ziel: Familien fördern, damit sie sich in die Gesellschaft einbringen

Im Interview blickt Vorständin Daniela Kobelt Neuhaus, die zum 1. Dezember 2020 in den wohlverdienten Ruhestand geht, auf die zurückliegenden Jahre bei der Stiftung zurück.

Daniela Kobelt Neuhaus will sich auch im Ruhestand weiter für Familien einsetzen. © Karl Kübel Stiftung

Mit welchen Ideen/Vorstellungen kamen Sie 2007 zur Karl Kübel Stiftung und was haben Sie davon umsetzen können?

Daniela Kobelt Neuhaus: Eine der Hauptmotivationen für meine Bewerbung auf die Vorstandsstelle war meine Vorstellung, dass in einer Stiftung für Kind und Familie meine Ideen zur Stärkung von Eltern und die Umsetzung des Early-Excellence-Gedankens doch sicher gut umzusetzen wären. Diese Idee trug ich bereits seit der Jahrtausendwende nach Studienreisen nach Südafrika und England in mir. Allerdings ließ sie sich nicht so schnell umsetzen. Ein Grund dafür war die Finanzierung des geplanten Skalierungsprojektes. Karl Kübel hat verfügt, dass die Stiftung möglichst nie ein Projekt alleine stemmt. Die Auridis Stiftung bot schließlich an, Familienzentren, die nach dem Early-Excellence-Ansatz arbeiten und für diesen Ansatz werben, bundesweit finanziell zu unterstützen. Einfacher war die Etablierung einer Qualifizierung für Multiplikatorinnen und Leitungskräfte von Familienzentren im Odenwald-Institut der Karl Kübel Stiftung. Und kurze Zeit später gelang es dem Felsenweg-Institut der Karl Kübel Stiftung, mit dem Projekt GaBi – ganzheitliche Bildung im Sozialraum – in Sachsen und Thüringen die Länderqualifizierungen für Eltern-Kind-Zentren zu übernehmen. GaBi ist sozusagen die deutsche Übersetzung von Early Excellence. Um ehrlich zu sein, auch das hat viele Anläufe und Anträge gebraucht, bis es so weit war.

Was war Ihnen bei Ihrer Arbeit wichtig?

Kobelt Neuhaus: Eine Stiftung als Vorstandsmitglied mit zu leiten, bringt vor allem Verpflichtungen im Umgang mit Geldern, die einem nicht gehören und die man sorgfältig einsetzen muss. Man hat sozusagen stets das Leitbild der Stiftung vor Augen und wägt mit den Stiftungsräten und Vorstandskollegen ab, inwiefern Einheit von Inhalt und Form stimmen. Inhaltlich waren mir stets die Wertschätzung von Familien, ihr Empowerment und ihre Befähigung, respektvoll zusammenzuleben und sich in der Gesellschaft einzubringen, wichtig. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Drop In(klusive) entstanden sind, wöchentliche Treffs für Eltern mit Kindern unter drei Jahren. Drop In(klusive) sind ein bisschen konzipiert wie ein Mini-Familienzentren auf Zeit und offen für alle Eltern und Kinder, die kommen möchten: also Väter und Mütter, alt eingesessene und zugezogene Familien, Familien mit Migrationsgeschichte oder mit besonderem Unterstützungsbedarf sowie Mittelschichts- und Akademikerfamilien. Die Treffs wirken gegen Einsamkeit, Unsicherheit im Umgang mit Kindern und für die Entstehung von Freundschaften und Unterstützungsnetzwerken.

Innerhalb der Stiftung war es mir wichtig, mit allen Mitarbeitenden auf Augenhöhe zu planen und zu handeln und mit ihnen gemeinsam am Profil der Inlandsarbeit zu arbeiten. Dabei habe ich die Mitarbeitenden in den Instituten und in der Zentrale als extrem engagiert und innovativ mitdenkend erlebt.

Inwieweit hat sich die Stiftungsarbeit in den zurückliegenden Jahren geändert?

Kobelt Neuhaus: In den letzten Jahren hat sich bemerkbar gemacht, dass die Finanzierung von Projekten durch die niedrigen Zinserträge schwieriger geworden ist. Das führt dazu, dass immer mehr Drittmittel eingeworben werden müssen, um Projekte realisieren zu können. Zudem ist die Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen, Kommunen und Ländern zunehmend von Verwaltungsaufwand belastet, der extrem viel Personalkapazität bindet. Nach wie vor herrscht die Vorstellung, dass wenn Stiftung draufsteht, eine Goldgrube drin ist. Daher erwarten Projektpartner der öffentlichen Hand durchaus hohe Eigenmittel der Stiftungen als Projektnehmer. Gleichzeitig sind aber Länder und Kommunen froh, wenn sich Stiftungen anbieten, im frühkindlichen Bereich oder in der Bildungsarbeit von Eltern und Fachkräften Aufgaben zu übernehmen, weil zu Recht Verlässlichkeit und unabhängige fachliche Qualität mit diesen Institutionen verbunden werden.

Zum anderen haben immer mehr Stiftungen vom reinen Fördern ins operative Geschäft gewechselt. Dabei fällt ­– in meinen Augen – positiv auf, dass die Sicht ganzheitlicher geworden ist. Wo früher etwa die Besten gefördert wurden, gehört heute die Mitberücksichtigung aktueller gesellschaftlicher Anliegen zum guten Ton in der Stiftungsarbeit und es geht häufiger darum, Chancen und Bildungsgerechtigkeit zu unterstützen und gesellschaftliche Mängel auszugleichen.

Wie hat Corona noch einmal die Projektarbeit verändert und welche Auswirkungen hat die Pandemie für Kinder?

Kobelt Neuhaus: Wie für viele andere Unternehmen stellen sich durch Corona auch für Stiftungen viele Fragen auf einmal. Wie können wir die Arbeit weiterführen und gleichzeitig die Mitarbeitenden schützen? Gerade im Bildungsbereich sind zahlreiche Projekte mit Präsenzveranstaltungen verbunden. Soll man diese verschieben? Umstellen auf Online-Veranstaltungen? Reichen dafür die Internet-Kapazitäten der Stiftung? Solche Fragen haben natürlich auch die Karl Kübel Stiftung extrem getroffen, ebenso dass das Odenwald-Institut nahezu zwei Monate lang ganz geschlossen wurde. Die finanziellen Einbußen durch nicht stattgefundene Maßnahmen paaren sich mit finanziellen Fragen zu Vermietung und Verpachtung: halten die gewerblichen Mieter durch? Wie weit können wir anderen entgegenkommen ohne uns selber zu gefährden? Und nicht zuletzt gilt es, trotz Corona weiter darüber nachzudenken, wie die globalen Ziele nachhaltigen Umgangs mit der Erde umgesetzt werden können.

Wo sehen Sie in Zukunft die größten Herausforderungen für die Stiftung im Bereich Frühpädagogik und wo bei den Inlandsprojekten und den Bildungsinstituten?

Kobelt Neuhaus: Eines unserer Ziele ist stets, Menschen (Eltern, Familien, Kinder) zu erreichen, die sich nicht so leicht erreichen lassen. Meine Vermutung ist, dass viele Kontakte künftig weiter digital laufen müssen. Dadurch hängen wir aber viele Menschen ab, die nicht von sich aus auf Stiftungswebsites schauen werden. Es gilt hier, neue Ideen zu entwickeln, um alle, die beispielsweise ein Drop In(klusive) als Willkommens- oder Kontaktort nötig haben, mitzunehmen. Die Themen Demokratie und Werte des Zusammenlebens werden künftig noch bedeutsamer werden als bislang. Und eine der sicher größten Herausforderungen wird sein, die Verteilung der Gelder für soziale und Bildungsprojekte sicherzustellen, jetzt, wo durch Corona extrem viele Schulden gemacht wurden. Die Bildungsinstitute brauchen Angebote, die Menschen erreichen. Mehr denn je gilt es, das Ohr an der Gesellschaft und an den Familien zu haben, um zu hören, was wirklich benötigt wird und dann schnell zu reagieren. Das ist Herausforderung und Chance zugleich.

Gibt es Momente, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Kobelt Neuhaus: Oh ja, davon gibt es viele. Insbesondere bleiben natürlich Highlights wie Jubiläen, Großevents oder Projekterfolge hängen. Aber ein Beispiel möchte ich vielleicht doch nennen: Aus fachlicher Sicht nachhaltig und eindrücklich bleiben mir die Verleihungen des Karl Kübel Preises in Erinnerung, als noch Einrichtungen und Institutionen ausgezeichnet wurden. Die Beziehung zu den Gewinnern aus diesen Jahren dauert bis heute an. Daraus haben wir fachlich für die Entwicklung unserer Themen und Koordinierungsstellen für Hessen extrem viel lernen können. Unter anderem erhalten wir gerade von diesen Partner*innen Informationen über aktuelle Fragestellungen und Schwerpunkte in Familienzentren und Beratungsstellen, zum Beispiel über den Umgang mit Corona in einem Familienzentrum.

Haben Sie Pläne für den Ruhestand?

Kobelt Neuhaus: Meine wichtigsten Pläne sind, gesund zu bleiben und auf keinen Fall in einen Ruhezustand zu geraten. Ich habe noch viele Ideen, die ich gerne vorantreiben möchte. Ich freue mich zum Beispiel darauf, mich in den nächsten Jahren auf den Bundesverband der Familienzentren konzentrieren zu können, um die bestehenden und noch zu entwickelnde Familienzentren fachlich und fachpolitisch gut zu unterstützen. 

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