Gewalt gegen Frauen in Indien: Immer mehr Frauen suchen Hilfe

Prof. Hilda Rayappan (74) von unserem Partner Prajna Counselling Centre in Südindien betreut seit mehr als 30 Jahren misshandelte Frauen. Im Interview gibt sie Einblick in ihre Arbeit und erklärt, was sich in Indien für Frauen ändern muss.

Prof. Hilda Rayappan berät sowohl Frauen als auch Paare. © Karl Kübel Stiftung/Prajna

Wie steht es um die Rechte der Frauen in Indien?
Prof. Hilda Rayappan:
Es gibt eine Vielzahl von Gesetzen, die Frauen in Indien schützen sollen. Diese Gesetze werden jedoch nur unzureichend umgesetzt. Frauen verzichten häufig auf eine strafrechtliche Verfolgung aus Angst vor Demütigung. Der Oberste Gerichtshof hat kürzlich erklärt, dass ein "Mentalitätswandel" notwendig sei. Die Gleichstellung der Geschlechter ist wichtig für den Erfolg Indiens in der Zukunft. 

Mit welchen Anliegen kommen die Frauen zu Ihnen?
Rayappan: 
Viele Frauen kommen zu dem von der Karl Kübel Stiftung unterstützen Beratungszentrum Prajna, um Unterstützung bei der Trennung von ihrem Partner, bei häuslicher Gewalt, sexueller Gewalt und Traumata zu erhalten. Nicht wenige dieser Frauen sind seit mehr als 20 Jahren verheiratet und haben um ihrer Kinder willen in gewalttätigen Beziehungen gelebt, aus Angst vor Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Unehre. Jüngere verheiratete Frauen kommen zu uns, weil ihre Ehemänner sie kontrollieren und missbrauchen. Viele dieser Frauen leben in arrangierten Ehen.

Wie können Sie den Frauen helfen?
Rayappan: 
Durch emotionale Unterstützung, Hilfe bei der Bewältigung ihres Traumas und bei der Entscheidung, wie bzw. ob sie ihre Beziehung fortführen wollen. Es ist wichtig, diesen Frauen unser Mitgefühl zu zeigen und einfühlsam zu sein. Falls erforderlich, stelle ich einen Kontakt zur Polizei her und helfe ihnen, ihren Fall vor Gericht zu bringen und kostenlosen Rechtsbeistand zu erhalten.

Hat die Zahl der hilfesuchenden Frauen in den vergangenen zehn Jahren zu- oder abgenommen?
Rayappan: Sie hat zugenommen. Frauen trauen sich heute eher, um Hilfe zu bitten. Früher hatten sie Angst, andere könnten erfahren, dass etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmt und darüber reden. Prajna hat viele unterschiedliche Angebote, sodass nach außenhin nicht sichtbar wird, welches Angebot die Frauen in Anspruch nehmen. Die Lage unserer Beratungsstelle ist ebenfalls gut für Hilfesuchende: Wir liegen in der Nähe eines Verkehrsknotenpunktes, sodass die Frauen uns gut erreichen können. 

Hat sich an den Problemen der Frauen etwas geändert? Kommen heute z.B. verstärkt Frauen mit Anliegen wie berufliche Diskriminierung?
Rayappan: 
Frauen kommen nach wie vor wegen körperlicher Gewalt. Auch Frauen, die in ihren Beziehungen emotional misshandelt werden, erhalten zunehmend Hilfe. Für viele Frauen hier in Indien ist Diskriminierung am Arbeitsplatz keine große Sache. Sie würden lieber im Stillen leiden und sich an ihre Arbeitsbedingungen anpassen; indem sie schweigen und die Diskriminierung ignorieren. Viele dieser Frauen haben nicht den Mut, sich zu äußern, weil sie Angst haben, entlassen zu werden. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wird nicht als große Sache angesehen; Frauen müssen arbeiten, um das Einkommen ihres Mannes aufzubessern. Viele dieser Frauen sind sich auch nicht bewusst, dass sie diskriminiert werden.

Was müsste sich strukturell ändern, um die Situation der Frauen zu verbessern?
Rayappan: 
Die Bereitstellung von qualitativ guter und erschwinglicher Bildung und Gesundheitsversorgung könnte den Frauen helfen. Patriarchalische Einstellungen dürften nicht länger dominieren, zum Beispiel sollte die Gesellschaft darüber aufgeklärt werden, dass eine Frau, die ihre Menstruation hat, nicht „unrein“ ist. Männer und heranwachsende Jungen sollten über die Bedeutung ihrer Beteiligung an der Hausarbeit aufgeklärt werden; Jungen brauchen positive Vorbilder. Auch die Gleichstellung der Geschlechter im sozialen, gesellschaftlichen und religiösen Bereich muss sich ändern. Die psychische Gesundheit von Frauen muss ernster genommen werden. Es müssen mehr Arbeitsplätze für Frauen geschaffen werden. Auch Sozialhilfe für alleinstehende Mütter mit niedrigem sozioökonomischen Status sollte in Betracht gezogen werden. Wir brauchen auch mehr Frauen im Kongress; die patriarchalische Regierung macht es Frauen schwer, einen Sitz zu bekommen und somit Frauen und deren Interessen zu vertreten.

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Unser Projekt mit Prajna Counselling Centre

Seit 2009 arbeitet die Karl Kübel Stiftung mit dem Prajna Counselling Centre in Mangalore (Bundesstaat Karnataka) zusammen, um Frauen zu stärken. Neben der Beratungsstelle in Mangalore  und einer regionalen telefonischen "Helpline" für misshandelte Frauen gibt es Angebote zur Bewusstseinsbildung und den Aufbau von Strukturen zur Förderung der Frauenrechte. Das aktuelle Projekt wendet sich an rund 4.300 Familien (rund 17.200 Personen) in zwölf ländlichen Dorfgemeinschaften in der Nähe der Hafenstadt Mangalore. 

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