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„WeiterDenken…!“ Wer früh fördert, spart Millionen

1. Juni 2017. Warum sich die frühe Förderung von Kindern für den Staat finanziell lohnt, erklärte Familienexpertin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe im Rahmen der Veranstaltung "WeiterDenken...!".

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Ökonomisch betrachtet, bringen Investitionen im Bereich der frühen Bildung den höchsten Gewinn. Denn je früher die Förderung ansetzt, desto stärker sind Effekte im weiteren Lebensverlauf. Wie groß diese Effekte sind, zeigte Familienexpertin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe von der Justus-Liebig-Universität Gießen in ihrem Vortrag „Zukunftsinvestition Bildung – warum frühe Förderung hohe Renditen für die Gesellschaft bringt“ in der Reihe „WeiterDenken…!“ auf.

Ihr Fazit: Jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, bringt dem Staat im Durchschnitt das 16-fache wieder ein. Zu dem Vortrag in der Sparkasse Bensheim eingeladen hatten die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie (KKS), die Sparkasse Bensheim und die GGEW AG.

Darüber, wie wichtig frühkindliche Bildung für eine zukunftsorientierte Gesellschaft ist, waren sich alle Veranstalter schnell einig. „Bildung ist das Schmiermittel der Gesellschaft“, erklärte GGEW-Vorstand Carsten Hoffmann. Matthias Wilkes, Stiftungsratsvorsitzender der KKS, hob die Relevanz einer frühzeitigen Förderung hervor: „In den ersten drei Jahren wird die Grundlage für das gesamte weitere Leben gelegt.“ Deshalb setze die Stiftung mit ihrer Förderung gerade bei den jüngsten Kindern an. Daniela Kobelt Neuhaus, Vorstandsmitglied bei der KKS, nannte beispielhaft die Drop In(klusive) der Stiftung als Willkommensorte, in denen Familien von Anfang an miteinander in Kontakt kommen. Bei der Finanzierung sehen sich auch die Unternehmen vor Ort in der Verantwortung, wie der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Bensheim, Eric Tjarks, betonte: „Wir denken zunächst regional. Wir wollen, dass es den Menschen hier gut geht.“

Dennoch – zwischen bildungspolitischen Ansprüchen und Realität klafft vielerorts eine riesige Kluft. „In Zeiten knapper Kassen steht die frühkindliche Förderung unter einem enormen Legitimationsdruck“, erklärte Meier-Gräwe. Insbesondere freiwillige Leistungen wie beispielsweise Mutter-Kind-Kuren fallen schnell dem Rotstift zum Opfer. Die Familienexpertin bemängelte, dass Ökonomen in der Regel nur den Ausgabenanstieg von Bildungskosten erfassen, nicht aber ihren volkswirtschaftlichen Nutzen. In ihrer Kosten-Nutzen-Analyse führte Meier-Gräwe eindrucksvoll das Wertschöpfungspotenzial von Bildungsausgaben vor Augen: Rund 50.000 Euro sind erforderlich, um die zugewanderte Beispielfamilie K. zu integrieren und ihr Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Was zunächst viel klingt, ist in der Gesamtbilanz lächerlich wenig. Durch ihren Beitrag zu Steuern und Sozialabgaben spült Familie K. im Lebensverlauf letztendlich über 1,1 Millionen Euro in unsere Kassen zurück. „Deshalb muss man die Langfristperspektive immer mitdenken“, betonte die Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft Meier-Gräwe.

Politische Entscheidungsträger vergessen außerdem allzu oft die eklatanten Folgekosten, die entstehen, wenn Kinder den Anschluss an unser Bildungssystem verpassen. Dazu zählen beispielsweise die Kinder- und Jugendhilfe, Qualifizierungsmaßnahmen, aber auch die Behandlung psychischer Erkrankungen. Meier-Gräwe zeigte auf, dass sich die Kosten für ein vernachlässigtes Kind im Laufe des Lebens auf über eine Million Euro summieren können. „Das ist wie im Maschinenbau“, ergänzte ein Zuhörer anschaulich, „solange Sie eine Maschine planen, kostet es kaum etwas, wenn die Konstruktion noch einmal geändert wird. Wenn sie aber die fertige Maschine umbauen wollen, wird es irre teuer.“

Je früher Entwicklungsverzögerungen erkannt werden, desto mehr Folgekosten kann der Staat sparen. Werden Defizite bereits in der Kita festgestellt und nicht erst mit der Schuleingangsuntersuchung, verringern sich die lebenslangen Folgekosten um mehr als die Hälfte. Setzt die Unterstützung noch früher an, dann sind die ökonomischen Effekte noch höher. Deshalb sind Frühe Hilfen so ungemein wichtig. „Wichtig ist auch, sich nicht nur auf die Kinder zu konzentrieren, sondern auch die Eltern zu adressieren“, sagte Meier-Gräwe. Dies gelingt am besten direkt in den Geburtskliniken. „Hier werden fast alle Mütter und auch viele Väter erreicht.“

„Doch die Erkenntnis alleine nützt nichts, man muss auch politische Mehrheiten dafür bekommen“, insistierte die Soziologin. „Wir sind bei der frühkindlichen Förderung auf einem ganz guten Weg, aber man darf nicht nachlassen – von alleine passiert da nichts.“ Damit die Kinder- und Jugendhilfe nicht allein auf den ganzen Kosten sitzen bleibt, plädierte Daniela Kobelt Neuhaus im Anschluss an den Vortrag insbesondere dafür, Mediziner und Pädagogen bei der Frühen Hilfe stärker zu vernetzen. Aus der angeregten Diskussion im Anschluss wurde deutlich: Hier wurde einiges in Bewegung gebracht, was zum Weiterdenken anregte.

Frühkindliche Förderung: Sparen am richtigen Ende

  • Kosten-Nutzen-Relation von 1:22 (Investition in Bildung : Rendite für den Staat) je Familie*

Input: 50.000 Euro - erforderliche Bildungskosten zur Eingliederung und Integration in den Arbeitsmarkt 
Output: 1.135.405 Euro - langfristiger Ertrag, der bis zum Eintritt ins Rentenalter durch Steuern, Sozialabgaben etc. erwirtschaftet wird

  • Ausgaben im Vergleich:

34.105 EUR für frühkindliche Hilfen
432.950 EUR Folgekosten ab Kita-Besuch
1.159.295 EUR Folgekosten ab Schulbesuch

* am Fallbeispiel der Zuwanderer-Familie K. mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern

 

 

 

Uta Meier-Gräwe

Professorin Dr. Uta Meier-Gräwe ist seit 1994 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft am Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Forschungserkenntnisse hat sie in zahlreichen Kommissionen und Beiräten als gefragte Beraterin in Bund und Ländern eingebracht. Darüber hinaus verfügt sie über langjährige Erfahrungen in der Verbandsarbeit, u.a. als Bundesvorsitzende von Pro Familia.

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