Flexible Arbeitszeitmodelle für verschiedene Lebensphasen werden immer wichtiger

Prof. Dr. Jutta Rump von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen referierte in der Reihe WeiterDenken der Karl Kübel Stiftung zum Thema "Arbeitswelt 4.0: Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Zeitalter der Digitalisierung".

Prof. Dr. Jutta Rump nannte in ihrem Vortrag viele Beispiele aus der eigenen Praxis. Sie empfiehlt Unternehmen eine lebensphasenorientierte Personalpolitik. © Karl Kübel Stiftung

Die Digitalisierung verändert das Zusammenleben und die Arbeitswelt unaufhaltsam. Veränderungen erfolgen immer schneller und es gibt laut Prof. Dr. Jutta Rump auch kein zurück: "Veränderung wird zu einem Normalstand." In ihrem Vortrag zeigte die renommierte Ökonomin und Expertin für Personalmanagement auf, vor welchen Herausforderungen Unternehmen im Personalbereich stehen und welche Lösungsansätze es gibt. Eines schickte sie vorweg: Es gebe nicht die eine Lösung. In ihrem Institut sei es ein ständiges Aushandeln und Ausbalancieren mit den Mitarbeitenden. Darauf müssten sich Firmen einstellen – und zwar jetzt! 

"Wenn ich in ein Unternehmen komme, heißt es oft 'Lassen sie uns erst mal das Haus bestellen'", so Rump. Gemeint sei damit, Technik einzuführen, zu schauen, was man digital mit Geschäftsmodellen machen könne, wie man Prozesse digitalisieren könne und erst dann schaue, was die Technik mit der Arbeitswelt und den Menschen macht. "Ich befürchte, dann werden sie keine Zeit mehr dafür haben." 

Der Grund: Durch den demografischen Wandel werden zunehmend Fachkräfte fehlen. Daher müssten sich Unternehmen jetzt überlegen, wie sie attraktiv für Arbeitnehmer blieben bzw. werden. Hinzu komme, dass dieser demografische Wandel zukünftig Treiber für Digitalisierung sein werde.

Werteorientierung in Unternehmen

In einer Welt, die keine Sicherheit biete, bräuchten Menschen Orientierung. Die Frage für Firmen laute: Wie nehmen sie die Menschen mit?  Rump: "Werteorientierung ist wichtig. Das ist die DNA ihres Betriebs. Wenn sie die nicht haben, haben sie Probleme." Unternehmen müssten sich fragen: Was hält uns zusammen? Was gilt es wertzuschätzen? Es gehe sowohl ums Bewahren als auch Verändern. In einer sich stetig verändernden digitalen Gesellschaft sei das Thema Balance wichtig.  "Alle Themen der Vereinbarkeit werden zu strategischen Themen", konstatierte die Referentin.

Mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und privater Lebenssituation müssten Unternehmen eigentlich ein Baukastensystem für die verschiedenen Arbeitnehmer und Lebensphasen entwickeln. Denn nicht nur Mütter und Väter und pflegende Angehörige hätten ein berechtigtes Interesse an flexiblen Arbeitszeitmodellen, sondern auch Singles, Arbeitnehmer mit einer Wochenendbeziehung, Arbeitnehmer, die ein Ehrenamt ausüben usw. "Zeit ist die zweite Währung neben Geld", so die Professorin, die für ihr Institut so ein Baukastensystem entwickelt hat. Und ja, es ist jedes Mal mit Blick auf das Gesamtunternehmen ein Aushandeln und Lösungen suchen "wie auf dem Basar". 

Mobiles Arbeiten erfordert klare Absprachen und Regeln

Voraussetzungen, damit mobiles Arbeiten funktioniere, seien Vertrauen, Zielvereinbarungen, klare Regeln der Erreichbar- und Verfügbarkeit sowie verbindliche Kommunikations- und Kooperationsstandards. Parallel dazu brauche es Selbstmanagement und Regeln in der Familie, d.h. wenn die Mutter Homeoffice macht, heißt das nicht automatisch, dass sie Zeit fürs Einkaufen oder Laub harken hat.

Die Referentin verschwieg in ihrem Vortrag in der Sparkassenstiftung Starkenburg in Heppenheim nicht, dass mobiles Arbeiten oft auch erst mal zu geringerer Produktivität führt, "aber nach sechs Monaten geht sie hoch". Kosten-Nutzen-Rechnungen hätten gezeigt, dass sich ein Euro Investition in zwei bis drei Jahren amortisiert habe. Ziel einer lebensphasenorientieren Personalpolitik sei die Förderung und Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit. Dabei sei sowohl die Eigenverantwortung des Arbeitnehmers als auch die des Arbeitgebers gefragt. Letztlich gehe es darum: In Bewegung bleiben ohne die Balance zu verlieren. 

Diskussion mit Vertreter*innen der regionalen Wirtschaft

Im Anschluss an ihren Vortrag wurde mit Vertreter*innen der regionalen Wirtschaft über Auswirkungen der Digitalisierung auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass die Digitalisierung die Unternehmen vor große Herausforderungen stellt und flexible Arbeitsformen und -zeitmodelle künftig sicherlich ausgebaut werden müssen. Dr. Matthias Zürker berichtete, dass die Wirtschaftsförderung des Kreises Bergstraße nicht nur den Ausbau der Infrastruktur, sondern auch gezielt den Austausch zwischen den Unternehmen über Herausforderung und Lösungen unterstützt. Für die GGEW wies Carsten Hoffmann auf die wichtige Rolle der Führungskräfte und deren Qualifizierung hin. Wo viel mit Mitarbeitern ausgehandelt werden müsse, seien hohe kommunikative Kompetenzen wichtig. Das konnte Karina Knapp als Personalleiterin der Sparkasse Starkenburg bestätigen.

Bezugnehmend auf den Wunsch nach mehr Zeitsouveränität bei den Arbeitskräften wies Daniela Kobelt Neuhaus, Vorstandsmitglied der Karl Kübel Stiftung, darauf hin, dass auch Kinder sich mehr Zeit mit den Eltern wünschen und diese Beziehungszeit für die Entwicklung der Kinder wichtig ist. Hier sieht Kobelt Neuhaus einen Zielkonflikt und einen Bedarf zur Unterstützung der Eltern. „Auch wenn dies nicht die Aufgabe der Unternehmen ist, müssen wir dies gesellschaftlich im Blick haben. Wenn es Eltern nicht gelingt, die richtige Balance zu finden und die Beziehung zu den Kindern leidet, dann hat dies ernorme Folgekosten für unsere Gesellschaft.“

Die Veranstaltung wurde unterstützt von:

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