Stifter*innen gewannen Vertrauen in die Entwicklungszusammenarbeit

Studienreise nach Südindien ermöglichte Einblicke in die Projektarbeit und deren Wirksamkeit

Die Reisegruppe wurde von der Organisation „Good Shepherd Health Education Centre & Dispensary“ herzlich empfangen. © Karl Kübel Stiftung

Von den rund 22.750 Stiftungen in Deutschland fördern nur circa sechs Prozent Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit. Zwar signalisieren immer mehr Stiftungen Interesse an einem Engagement in diesem Bereich, aber Unsicherheiten und auf den ersten Blick formelle Hürden wirken wie eine Bremse. Um dem entgegenzuwirken, möchte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mehr Transparenz und ein Bewusstsein für ein Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit schaffen.

Daher begrüßte das BMZ auch die jüngste Studienreise der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Stiftungszentrum nach Indien. Die Reise führte die 13 Vertreter*innen deutscher Stiftungen und Vereine in die südindischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Kerala. Dort besuchten sie sechs Projekte lokaler Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die zum Teil vom BMZ und der Karl Kübel Stiftung gefördert werden.

Projekte für Frauen wirken in die ganze Gesellschaft hinein

Sehr beeindruckend war z.B. die Arbeit der katholischen Ordensschwestern der Organisation „Good Shepherd Health Education Centre & Dispensary“. Mit dem Ziel Frauen zu stärken, werden hier Selbsthilfegruppen in Form von kleinen Spar- und Kreditkooperativen für Frauen aus marginalisierten Bevölkerungsschichten aufgebaut. Die Frauen zahlen monatlich einen kleinen Betrag in eine Gemeinschaftskasse ein, aus der dann Kredite an die Mitglieder bewilligt werden. Von der Karl Kübel Stiftung und dem BMZ erhält das Programm die nötigen Anschubfinanzierungen, damit sich die Frauen mit Kleinkrediten selbstständig machen können. Auf diese Weise können sie ein Kleingewerbe aufbauen (z.B. Töpferwaren verkaufen) und zum Familieneinkommen beitragen. Schulungen im Bereich Buchführung und Vermarktung gehören ebenfalls zum Programm. „Der wirtschaftliche Erfolg der Frauen führt in der Regel auch dazu, dass ihre Töchter und Söhne eine weiterführende Bildung erhalten. Das ist uns wichtig: durch Bildung Chancen für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen“, so Ralf Tepel, Vorstandsmitglied der Karl Kübel Stiftung.

Bei den Treffen der Kooperativen geht es aber um mehr als Existenzsicherung: Die Frauen haben hier Gelegenheit, ihre gesellschaftliche Benachteiligung zu thematisieren, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Hier trauen sich Frauen Probleme wie z.B. Gewalt gegen Frauen oder Alkoholismus anzusprechen, für die sie bislang kein offenes Ohr bzw. Unterstützung fanden. Einige Frauen engagieren sich inzwischen auch politisch.

Mädchen aus den Fängen der Texilindustrie befreien

In einem anderen Projekt stand die Befreiung von Mädchen aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen im Vordergrund. Die NGO „Terre des Hommes“ beeindruckte die Reisegruppe mit ihrem Ansatz, Mädchen aus den lokalen Textilfabriken zu befreien und ihnen einen Schulbesuch oder eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Dies wird vor allem durch Bewusstseinsbildung in den Familien der umliegenden Dörfer erreicht. Dabei geht es vor allem darum, die Mädchen vor einer Zwangsheirat zu bewahren und aus dem Sumangali-System zu befreien. Unter dem Deckmantel „Sumangali“ (auf Deutsch: „glückliche Braut“) schließen Textilfabriken mit Familien mehrjährige Arbeitsverträge für ihre Töchter, deren Lohn – wenn überhaupt – erst nach vollständiger Ableistung gezahlt wird. Bei Gesprächen mit jungen Frauen zeigte sich, dass Kontrollen, auch von internationalen Unternehmen, zumeist nur in der Endfabrikation stattfinden. Unter welch‘ unmenschlichen Bedingungen die Arbeit in den Garnspinnereien oder den Webereien stattfindet, wird oftmals nicht hinterfragt.

Gewürzplantagen und - Produktionsanlage besichtigt 

In Kerala besuchte die Reisegruppe lokale Tee- und Gewürzplantagen. In der Produktionsstätte der „Peermade Development Society“ konnten sich alle ein Bild von den einzelnen Produktions- und Kontroll-Schritten bei der Herstellung von Bio-Tee und -Gewürzen machen. Die Gruppe war beeindruckt von den einzelnen Kontrollmechanismen bezüglich der Einhaltung der Hygienevorschriften und der Vielzahl der erworbenen Biosiegel, wie z.B. Demeter, Naturland etc. Viele der Produkte stehen auch in den Regalen deutscher Supermärkten. Besuche bei Kleinbauern veranschaulichten, was es bedeutet, wenn sie ihren Landbau auf ökologische Landwirtschaft umstellen. In der Phase der Umstellung (ca. 3 Jahre) werden sie durch die Karl Kübel Stiftung gefördert, um die ersten ernteschwachen Jahre zu überwinden. Es gibt z.B. Zuschüsse für die Milchviehzucht, Biogas-Anlagen oder Regenwasser-Filteranlagen, die Energie- und Wassereinsparungen im Haus ermöglichen.

Vorträge über Fördermöglichkeiten und Finanzabrechnung

Neben den Projektbesuchen stießen die abendlichen Vorträge und die vielen Zusatzinformationen während der Busreisen auf großes Interesse. Dabei ging es um Themen wie Fördermöglichkeiten, Finanzabrechnung und Berichterstattung. Ein Referent der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) informierte z.B. über das aktuelle Projekt „Smart Cities“. Es setzt auf nationaler, Landes- und Städte-Ebene an, um Fortschritte in den Planungsprozessen und beim Aufbau von nachhaltigen, integrierten städtischen Verkehrssystemen zu erzielen. Das Programm empfanden die Zuhörer*innen als sehr herausfordernd und ambitioniert.

"Eine derartige Arbeit ist höchst wichtig und wirksam"

Nach der zehntägigen Reise waren die Teilnehmer*innen überwältigt von den zahlreichen, neuen Eindrücken, die für viele einen Perspektivwechsel bewirkte. Vor allem das „Empowerment“ von Frauen beeindruckte alle sehr. Die Projektbesuche trugen wesentlich dazu bei, Bedenken bezüglich eines möglichen Engagements im Ausland zu nehmen. Felicitas Schöck: „Auf der Reise wollte ich mir für unsere Stiftung einen Eindruck verschaffen, ob transparente und nachhaltige Entwicklungshilfe tatsächlich möglich ist, ob unser Geld sinnvoll eingesetzt wird. Nach der Reise kann ich sagen: auf jeden Fall! Eine derartige Arbeit ist höchst wichtig und wirksam!“

„Die besuchten Projekte haben mich tief beeindruckt. Angesichts der vielerorts sichtbaren Armut im Land führen sie eindrücklich vor Augen, was ein erfolgreiches Stiftungsengagement bewegen kann“, so Dr. Stefan Stolte, Mitglied der Geschäftsleitung des Deutschen Stiftungszentrums und Leiter des Bereichs Stiftungsmanagement. „Die im Rahmen der Studienreise gewonnenen positiven Eindrücke und Erfahrungen motivieren, ein Engagement im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu starten oder zu intensiveren.“

Wie wichtig das Engagement von Stiftungen in der Entwicklungszusammenarbeit ist, unterstreicht auch Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller im aktuellen Stiftungsreport: „Ich bin überzeugt dass alle profitieren, wenn wir unsere jeweiligen Stärken, unsere Erfahrung, Netzwerke, Ressourcen zusammenbringen.“

Impressionen von der Studienreise

© Karl Kübel Stiftung

Folgende Projekte wurden während der Reise vorgestellt: 

  •  Kinderheim Abhaya Student Shelter (Native Medicare Charitable Trust, gefördert durch Karl Kübel Stiftung)
  • Seniorenheim „Abhaya Sadan“ (Native Medicare Charitable Trust, gefördert durch die Treuhandstiftung „Die es nötig haben“)
  • Frauen-Selbsthilfegruppen der „Vimuktha“ Föderation (Native Medicare Charitable Trust, gefördert durch Karl Kübel Stiftung und das BMZ)
  •  Frauen Selbsthilfegruppen (Good Shepherd Health Education Centre & Dispensary, gefördert durch Karl Kübel Stiftung und das BMZ)
  • Auslandsförderung durch die „International Giving Foundation“ (Deutsches Stiftungszentrum)
  • Sumangali-Projekt (Terre des Hommes)
  • Kleinbauernförderung (Peermade Development Society, gefördert durch die Karl Kübel Stiftung und das BMZ)
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