Kinderhandel stoppen - auf den Philippinen hat sich das Cinemobil bewährt

Aufklärung ist wichtig im Kampf gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern. Zeichentrickfilme sensibilisieren die Bevölkerung, weisen auf Gefahren hin und zeigen, wie Kinder und Jugendliche sich schützen können.

Aufklärungskampagnen zum Schutz von Kindern

Der Dorfplatz in San Isidro (Camotes Island) ist voller Kinder und Erwachsener. Dicht an dicht sitzen sie auf weißen Plastikstühlen vor einer weißen Leinwand. Heute ist Kino angesagt. Allerdings läuft nicht der neueste Actionstreifen, sondern ein Zeichentrickfilm zu einem sehr ernsten Thema: sexuelle Ausbeutung von Kindern. Der Film soll die Bevölkerung für die Thematik sensibilisieren, Kinder und Jugendliche auf Gefahren hinweisen und ihnen zeigen, wie sie sich schützen können.

„Aufklärung ist sehr wichtig, denn Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen sind ein großes Problem auf Camotes Island“, sagt Lolita G. Ganapin, Direktorin der Bidlisiw Foundation. Wie es dazu kommen konnte? Die kleine Inselgruppe Camotes Island entwickelte sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem attraktiven Touristenziel: glasklares Wasser, kilometerweite Sandstrände, gut erreichbar. Von Cebu, der nächstgelegenen großen Insel, dauert die Überfahrt mit der Fähre nur zwei bis drei Stunden. Mit den in- und ausländischen Touristen kommen aber leider auch jene, die es auf Sex mit Minderjährigen abgesehen haben.

Falsche Versprechen

Ein weiteres Problem: die große Armut. Immer wieder vertrauen Eltern einer verwandten, bekannten oder auch fremden Person, eines ihrer Kinder an, weil es in der Stadt angeblich eine bessere Zukunft und Arbeit erwartet. Statt in einem Restaurant oder einer Fabrik landen die Kinder aber im Rotlichtmilieu.

Die Karl Kübel Stiftung geht dagegen an. In Kooperation mit der Arche Noah Stiftung, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der lokalen Partnerorganisation Bidlisiw Foundation hat sie ein Projekt entwickelt, um den Menschenhandel und die sexuelle Ausbeutung von Kindern auf Camotes Island zu stoppen.

Das Projektgebiet umfasst 15 Dörfer mit insgesamt rund 38.000 Einwohnern. Im Mittelpunkt stehen dabei 80 von Menschenhandel betroffene Kinder und deren Familien sowie 300 „Risikokinder“. Das sind Mädchen und Jungen, die aufgrund ihrer Familienverhältnisse, abgebrochener Schulausbildung oder Drogenkonsum besonders gefährdet sind. Ziel des Projektes ist es, Strukturen und Systeme aufzubauen, um Kinderhandel und sexueller Ausbeutung vorzubeugen, sowie Reintegrationsprogramme für betroffene Kinder und Familien einzuführen.

Dorfbevölkerung einbinden

Um die Menschen für diese Themen zu sensibilisieren, schickt die Bidlisiw Foundation ihr  Cinemobil von Dorf zu Dorf. In Schulen, Gemeindesälen oder auf Dorfplätzen zeigen die Mitarbeiter den Zeichentrickfilm über sexuelle Ausbeutung und diskutieren im Anschluss mit Kindern und Erwachsenen. Wie sieht es bei euch im Dorf aus? Was kann man gegen Kinderhandel tun? Gibt es Schutzmechanismen? Wo gibt es Hilfe? Diese und weitere Fragen werden angesprochen. Neben dem Cinemobil gibt es auch eine Theatergruppe, die in Dörfern auftritt und die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert.

Damit der Menschenhandel überwacht und eingedämmt werden kann, baut die lokale Partnerorganisation Kinder-, Jugend- und gemeindebasierte Gruppen auf. Sie sollen die Situation in den Dörfern im Auge behalten und ggf. bei Verdacht von Kinderhandel den Projektpartner und die Polizei informieren. Darüber hinaus werden Mitarbeiter*innen staatlicher Institutionen, Lehrer*innen, Motorrad-Taxifahrer*innen, die Küstenwache, Hafen- und Hotelangestellte zum Thema Kinderschutz, Kinderhandel und Schutzgesetze geschult. Checkt zum Beispiel ein Gast in einem Hotel mit einem minderjährigen Kind ein, verlangen die Angestellten jetzt den Ausweis des Kindes, um prüfen zu können, ob es sich um ein Elternteil mit Kind handelt oder nicht. Bei Verdachtsfällen können sie sich an die neu eingerichtete Untersuchungsstelle (Help Desk) werden. Insgesamt wurden bis Ende Dezember 2017 bereits mehr als 2.000 Personen geschult.

Hilfe für betroffene Kinder

Ein weiterer wichtiger Baustein des Projekts sind die Rehabilitations- und Reintegrationsprogramme für betroffene Kinder und ihre Familien. Die Kinder erhalten therapeutische Hilfe und werden bei der Fortsetzung ihrer Schulausbildung unterstützt. Für die Eltern gibt es Schulungen zum Thema Kinderrechte und elterliche Fürsorge. Darüber hinaus werden sie mit einkommensschaffenden Maßnahmen unterstützt.

Bis Ende 2017 wurden 22 Mädchen und Jungen in das Rehabilitationsprogramm aufgenommen. Eine von ihnen ist Tala*. Die 17-Jährige wuchs in schwierigen familiären Verhältnissen auf. Nach der Trennung ihrer Eltern blieb Tala bei ihrer Mutter, die sich aber nicht genug um sie kümmerte. Statt ihrer Tochter Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, umsorgte sie lieber ihren neuen Freund. Immer wieder kam es vor, dass Tala ohne Frühstück und Lunchpaket zur Schule gehen musste. Das Mädchen spürte, dass es sich auf seine Mutter nicht verlassen kann.

Auf der Suche nach Liebe fand Tala einen Freund, mit dem sie intim wurde. Doch die Freundschaft dauerte nicht lange. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, tauchten plötzlich Nacktfotos von ihr im Internet auf. Keine leichte Zeit für Tala. Sie blieb stark, schaltete in einen Überlebensmodus. Um sich ein bisschen Geld zu verdienen, trat sie am Wochenende als Sängerin mit einer Band in einer Pizzeria auf. Nach Dienstschluss trank sie dann häufig mit Gästen noch ein paar Gläser Alkohol. Irgendwann blieb es nicht dabei. Tala verkaufte ihren Körper für Geld. Es war ihre Strategie, um an mehr Geld zu gelangen, ihre Überlebensstrategie.

Neue Überlebensstrategie

Mitarbeiter der Bidlisiw Foundation nahmen Kontakt zu Tala auf. Trotz anfänglicher Skepsis kam sie regelmäßig zu den Gruppentreffen. Die Gespräche taten ihr gut. Tala gewann neues Selbstvertrauen, sie verließ die Musikband und prostituierte sich nicht mehr. Auch ihre Mutter wurde in das Programm involviert. Die Beziehung zwischen den beiden hat sich seitdem verbessert. Tala konzentriert sich nun auf die Schule. Die Senior High School schloss sie mit Auszeichnung ab, jetzt besucht sie ein College. Tala ist voller Zuversicht und dankbar für die Hilfe, die sie bekommen hat.

*Name geändert

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