"Interkulturelle Kompetenz ist ein Prozess, der ein Leben lang dauert"

Interview mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani zu interkultureller Kompetenz im Erziehungsalltag

Denkwerkstatt "Interkulturell kompetent - aber wie?" mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani (© Karl Kübel Stiftung)

Denkwerkstatt "Interkulturell kompetent - aber wie?" mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani (© Karl Kübel Stiftung)

In ihren von der Karl Kübel Stiftung veranstalteten Denkwerkstätten vermittelte Mehrnousch Zaeri-Esfahani anschaulich, wie wichtig interkulturelle Kompetenz für pädagogische Fachkräfte in Kitas ist. Die Sozialpädagogin und Autorin weiß, wovon sie spricht: Sie, die als Kind vor über 30 Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet ist, hat selbst viele Jahre in der Flüchtlingsbegleitung und als Beraterin gearbeitet. Im Interview erklärt sie, was interkulturelle Kompetenz für sie heißt und wie diese sich in den Erziehungsalltag integrieren lässt.

Was bedeutet „Interkulturelle Kompetenz“ überhaupt? 

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: Interkulturell kompetent ist man, wenn man die verschiedenen kulturellen Modelle kennt. Viel wichtiger als das theoretische Wissen ist aber die innere wertschätzende Haltung. Diese erlangt man nur, wenn man sich ehrlich mit der eigenen Biografie befasst, sich selbst kennt und mag. In der Regel dauert dieser Prozess ein Leben lang. Nur so kann man das "Andersartige" nicht nur aushalten, sondern sogar wertschätzen und als echte Bereicherung anerkennen. 

Unterscheiden sich Kinder mit Fluchthintergrund von anderen Kindern? 

Zaeri-Esfahani: Nein und ja, denn pauschal kann man das nicht beantworten. Kinder mit Fluchterfahrung besitzen bestimmte Kompetenzen, wie Mehrsprachigkeit oder auch innere Dankbarkeit und Demut oder Flexibilität und Spontanität. Diese Kompetenzen können auch andere Kinder mit anderen Lebensbrüchen besitzen, z.B. durch Krankheiten, Katastrophen oder den Verlust eines geliebten Menschen. Bei Kindern mit Fluchterfahrung muss darauf geachtet werden, ob Traumatisierungen vorliegen. Außerdem müssen Kinder mit Fluchterfahrung in der Regel eine neue Sprache hinzulernen und sich mit einer neuen Kultur und zumindest in den Institutionen auch neuen Erziehungsmodellen auseinandersetzen.

Auf welche kulturellen Erziehungsmodelle treffen Erzieher*innen in der Kita und wie wirken sie sich aus? 

Zaeri-Esfahani: Sie treffen auf die Modelle der psychologischen Autonomie und der Handlungsautonomie. Das erst genannte Erziehungsmodell wird in der individualistischen Kultur mit einem humanistischen Weltbild und nach demokratischen Prinzipien gelebt. Dieses Modell bewirkt im Idealfall, dass das Individuum weiß, was es will und was nicht und durch einen "inneren Richter" sein Verhalten überprüft. Dies hilft ihm, sich selbstbewusst und selbstständig zu verwirklichen. Diese Menschen besitzen häufig die Fähigkeit, das Leben analytisch zu betrachten. Sie haben allerdings auch oft Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse zurückzunehmen oder sich in sozialen Gruppen unterzuordnen. 
Das andere Modell wird in der kollektivistischen Kultur gelebt, wo Gehorsam und Nachahmung die wichtigsten Säulen der Erziehung sind. Es bewirkt, dass das Individuum sich selbst kaum als Individuum wahrnimmt, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die es beschützt und wo Harmonie überlebensnotwendig ist. Dies führt in der Regel dazu, dass das Individuum autoritäre Strukturen und Symbole von außen braucht, um zu wissen, welches Verhalten erwünscht ist. Das Individuum erfüllt in erster Linie eine Funktion, eine Rolle, die für die Gemeinschaft von Nutzen ist. Diese Menschen besitzen in der Regel die Fähigkeit, das Leben ganzheitlich zu betrachten, ihre individuellen Bedürfnisse zurückzunehmen und sich in einer Gemeinschaft zu integrieren.    

Wie gehen Erzieher*innen damit im Alltag um?

Zaeri-Esfahani: Für Erzieherinnen und Erzieher bedeutet das immer und immer wieder „erklären, erklären, erklären“. Unsere Gesellschaft setzt für alle Individuen einen Rahmen mit vielen ausdifferenzierten Strukturen - vom Bildungssystem über die Gewaltenteilung bis zur Zivilgesellschaft. Dieser Rahmen ist für viele Menschen aber nicht selbsterklärend, sondern muss immer wieder mit viel Geduld erläutert werden. 

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