"Ich bin ein richtiger Kuschel-Papa"

Im Interview erzählt Karl-Kübel-Preisträger Gerald Asamoah was ihn prägte, welche Bedeutung die Auszeichnung für ihn hat und wie er seine Kinder erzieht.

Asamoah hat ein Herz für Kinder (© KKS/ Thomas Neu).

Asamoah hat ein Herz für Kinder (© KKS/ Thomas Neu).

Herr Asamoah, Sie wurden für Ihr soziales Engagement mit dem Karl Kübel Preis 2018 ausgezeichnet. Der Stifter Karl Kübel war davon überzeugt, dass die Eltern-Kind-Beziehung das Leben entscheidend prägt. Sie sind vom vierten bis zum zwölften Lebensjahr von Ihrer Großmutter in Ghana erzogen worden. Was hat Sie Ihnen mitgegeben?

Gerald Asamoah: Meine Großmutter war immer ein Vorbild für mich. Sie hat meine beiden Geschwister und mich allein großgezogen, bis zu dem Zeitpunkt, als unsere Eltern uns nach Deutschland nachholten. Meine Großmutter hat sich die ganze Zeit um uns gekümmert und immer hart gearbeitet. Sie hatte ein einfaches, kleines Restaurant. Ihr Kampfgeist hat mich geprägt.

Wie hat Ihre Großmutter Sie erzogen?

Asamoah: Meine Oma war sehr herzlich, aber auch streng. Manchmal hat sie auch mit mir geschimpft, vor allem, wenn ich mal wieder meine Schuhe verloren habe. Meine Eltern haben mir hin und wieder Schuhe aus Deutschland geschickt, das war etwas ganz Besonderes. Ich habe aber barfuß Fußball gespielt und die Schuhe als Torpfosten benutzt und nach dem Spiel oft vergessen. Manchmal hat sie dann ein anderes Kind genommen. Ich fand das nicht schlimm, aber meine Oma war dann immer sauer. Ich habe dann zu ihr gesagt: „Warum schimpfst Du? Wenn ich groß bin werde ich Profi-Fußballer und dann schicke ich Dir einen ganzen Lastwagen voller Schuhe.“ Leider habe ich das zu nicht mehr zu ihren Lebzeiten umsetzen können.

Wie war der Kontakt in dieser Zeit zu Ihren Eltern, die in Deutschland lebten?

Asamoah: Meinen Vater kannte ich kaum, er war schon früh nach Deutschland geflüchtet. Dass er Journalist und politisch verfolgt worden war, wusste ich als kleiner Junge nicht. Ich erinnere mich noch daran, dass wir in der Schule mal aufschreiben sollten, was unsere Eltern machen. Ich schrieb damals, dass mein Vater Bankmanagerund meine Mutter Händlerin ist. Wir haben alle paar Wochen mit ihnen telefoniert. Es gab bei uns im Dorf ein Center, in dem Telefonate ankamen. Dort rief meine Mutter morgens an und lies ausrichten, dass sie abends zum Beispiel um 19 Uhr wieder anrufen würde. Ein Bote informierte uns und dann waren wir zum vereinbarten Zeitpunkt im Center.

Wie war es dann, als sie mit Ihren beiden Geschwistern nach Deutschland zu Ihren Eltern zogen?

Asamoah: In Deutschland war erst mal alles neu. Ich kannte bis dahin nur den Otto-Katalog, sonst nichts. Die Vorfreude ins „Otto-Katalog-Deutschland“ zu kommen, war groß. Ich sprach kein Wort Deutsch, wurde aber in der Schule von den Schülern und Lehrern herzlich aufgenommen. Ich hatte auch Sprachunterricht und habe so schnell Deutsch gelernt. Ich wollte das auch. Denn wenn du in einem Land ankommen willst und dich integrieren möchtest, musst du verstehen, was die Menschen sagen.

Sie mussten sich sicherlich erst mal wieder als Familie finden. Was war da wichtig?

Asamoah: Sich einander Zeit zu geben und so nehmen, wie man ist. In Deutschland habe ich erst mal meinen Bruder kennengelernt, der zwischenzeitlich auf die Welt gekommen war. Er sprach nur Deutsch, da war es am Anfang schwierig sich zu verständigen. Meine Eltern haben viel gearbeitet. Wir Kinder haben viel im Haushalt mitgeholfen und waren ziemlich eigenständig.

Inzwischen sind Sie selbst Vater von zwei Töchtern (Zwillingen) und einem Sohn zwischen neun und elf Jahren. Was haben Sie sich bei Ihrer Großmutter und Ihren Eltern mit Blick auf die eigene Elternrolle abgeschaut?

Asamoah: Meine Großmutter hat immer nur gegeben. Ich versuche auch, den Kindern alles zu geben, was ich nicht hatte. Dabei muss ich natürlich aufpassen, sie nicht zu sehr zu verwöhnen. Es ist mir wichtig, sie mit nach Ghana zu nehmen, damit sie erkennen, dass es ihnen gut geht. In Ghana gibt es viel Armut. Das kennen meine Kinder so aus Deutschland nicht. Ansonsten habe ich mir von meiner Großmutter ihre Herzlichkeit abgeguckt. Ich bin ein richtiger Kuschel-Papa.

Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, um Kindern ein gutes Gerüst fürs Leben mitzugeben?

Asamoah: Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass sie für ihre Träume kämpfen müssen. Ich finde es wichtig, positiv zu denken und Dinge immer erst einmal zu versuchen, bevor man sagt: Ich kann das nicht. Und noch etwas ist mir wichtig: Meinen Kindern zu erklären, dass alle Menschen gleich sind, egal welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören. Wenn meine Kinder sich zum Beispiel etwas Negatives wegen ihrer Hautfarbe anhören müssen, dann sage ich ihnen, dass sie es nicht an sich heranlassen sollen.

Welche Erfahrungen haben Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe gemacht beziehungsweise machen Sie?

Asamoah: Ich musste mir früher immer mal wieder Sprüche anhören. Das tut weh, aber ich habe mir das nicht so sehr zu Herzen genommen. Auch später, als ich ein bekannter Spieler war, gab es Momente, in denen ich diskriminiert wurde und aufgrund meiner Hautfarbe zum Beispiel nicht in einen Club oder ein Lokal kam. Wenn sich dann im Nachhinein herausstellte, wen sie abgewiesen hatten, entschuldigten sie sich. Aber das ist doch nicht richtig: Als bekannter schwarzer Fußballer komme ich irgendwo rein, aber als „normaler“ Schwarzer nicht. So etwas sollte man einfach nicht an einer Hautfarbe festmachen. Solche Situationen erlebe ich aber nicht nur in Deutschland. Letztens war ich in Ghana am Flughafen und die Passagiere mit Business Class Ticket wurden am Gate aufgerufen. Ich bin hingegangen und wurde zurückgerufen, ich müsse erst mein Ticket vorzeigen. Ein Mann mit weißer Hautfarbe vor mir musste das nicht, er wurde einfach durchgelassen. Dabei hatte er gar kein Ticket für die Business Class, wie sich später herausstellte. Es ist traurig, dass wir immer noch über solche Themen diskutieren müssen.Toleranz sollte eine Selbstverständlichkeit sein, egal wo.

Vater zu sein, ist immer auch ein Abenteuer. Was waren für Sie bislang herausfordernde oder überraschende Momente als Elternteil?

Asamoah: Ich bin viel unterwegs, das ist schon eine Herausforderung als Elternteil. Manchmal muss ich bei meinen Kindern auch ein Machtwort sprechen, wenn sie nicht hören. Allerdings habe ich danach oft ein schlechtes Gewissen. Überraschend war für mich letztens, als meine Tochter plötzlich keinen Abschiedskuss mehr haben wollte. Ich glaube, das hängt mit dem Alter zusammen. Aber damit muss ich erst noch lernen umzugehen.

Haben Sie ein Familienritual, zum Beispiel alle vier Wochen in den Zoo, sonntags lange ausschlafen und dann brunchen?

Asamoah: Nein. Aber samstags versuche immer, viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. Ich fahre zum Beispiel meine Tochter zum Tennis und bleibe dabei oder meinen Sohn zum Fußball und gucke zu.

Welche Rolle spielt Fußball in Ihrer Familie?

Asamoah: Eine sehr große. Mein Sohn macht sich sehr, sehr gut. Die Kinder sind sehr sportinteressiert und natürlich Schalkefans.

Bewegung ist wichtig. Haben Sie einen Tipp, wie man Kinder motivieren kann, die sich nicht gern bewegen?

:Asamoah: Man sollte mit kleinen Dingen anfangen und sich dann langsam steigern, ohne die Kinder zu überfordern. Zum Beispiel kann man mit einem Spaziergang anfangen und eine kleine Belohnung in Aussicht stellen und die Leistung dann nach und nach erhöhen. Am besten man lebt es den Kindern vor, was Bewegung heißt. Also selbst Sport treiben und dadurch die Kinder motivieren.

Wie halten Sie sich eigentlich fit?

Asamoah: Ich jogge und spiele Tennis.

Elternschaft ist ein 24-Stunden-Job. Da bleibt oft wenig Zeit fürs Auftanken. Was ist Ihr persönlicher Tipp, um zwischendurch mal aufzutanken und Kräfte zu sammeln?

Asamoah: Ruhe. Ich brauche manchmal Zeit für mich und ziehe mich zurück, um Kraft zu tanken.

Karl Kübel war wie Sie gläubiger Christ. Was schöpfen Sie aus Ihrem Glauben?

Asamoah: Mein Glaube gibt mir Halt. Meine Großmutter hat uns christlich erzogen. Als Kind musste ich sonntags in die Kirche gehen, später habe ich mich freiwillig dafür entschieden. Manche Menschen suchen Gott nur in Zeiten, in denen sie es schwer haben, aber man sollte auch in guten Zeiten Gott dankbar sein. Als mein Herzfehler diagnostiziert wurde und es so aussah, als könne ich nicht weiter Fußball spielen, habe ich zu Gott gesagt: Wenn ich wieder auf dem Platz stehen und Fußball spielen kann, möchte ich etwas Gutes tun und etwas zurückgeben.

Das haben Sie dann auch gemacht und 2007 eine Stiftung gegründet, die herzkranken Kindern hilft. Was hat Sie bewogen, sich insbesondere für Kinder einzusetzen?

Asamoah: Kinder sind unsere Zukunft. Ich möchte herzkranken Kindern eine bessere Zukunft schenken. Deshalb finanzieren wir lebensrettende Herzoperationen von Kindern, die in ihrem Heimatland nur eine ganz geringe Überlebenschance hätten. Meine Stiftung unterstützt aber auch Familien von herzkranken Kindern, wir beziehen die Eltern und die Geschwisterkinder, die oft im Schatten stehen, mit ein. Wir organisieren regelmäßig Familientage, zu denen wir auch Herzspezialisten einladen, damit die Eltern in einem geschützten Rahmen ihre Fragen und Ängste loswerden können. Meine Stiftung versucht ab der Diagnose für die Familien da zu sein und sie langfristig zu begleiten.

Was bedeutet Ihnen der Karl Kübel Preis?

Asamoah: Der Preis macht mich sehr stolz. Die Auszeichnung ist eine Anerkennung für meine Arbeit und die meines Stiftungsteams. Das motiviert uns weiterzumachen. Zu Karl Kübel habe ich Parallelen entdeckt. Er kam ursprünglich aus Duisburg und hat sich alles selbst aufgebaut. Er hilft Menschen sogar über seinen Tod hinaus. Das wünsche ich mir auch. Der Name Gerald Asamoah soll später mal dafür stehen, herzkranken Kindern geholfen zu haben.

Jede Spende hilft Jetzt spenden Initiative Transparente Zivilgesellschaft BIC HELADEF1BEN
IBAN DE41 5095 0068 0005 0500 00