»Die Qualität des Lebens kann sich nur verbessern, wenn der Mensch selbst sich in seiner Qualität verbessert. So gesehen kann unser Anliegen nur das sein, dem Menschen zu helfen, fähig zu werden, dass er selbstsicher, urteilsfähig, kreativ und aktiv für Solidarität wirkend im Leben steht.« (Karl Kübel)
Wirbelsturm »Thane« hinterlässt Spur der Verwüstung – »weltwärts«-Freiwillige aus Hessen erleben Naturkatastrophe in Südindien hautnah
Die »weltwärts«-Freiwilligen Ronja Sames und Johanna Dohl berichten direkt aus der südindischen Katastrophenregion.
Seit Anfang September 2011 leisten Ronja Sames aus Münster bei Dieburg und Johanna Dohl aus dem nordhessischen Vöhl-Buchberg ihren siebenmonatigen Freiwilligendienst im Rahmen des „weltwärts"-Programmes in Südindien ab. Von der Bensheimer Karl Kübel Stiftung entsandt, sollten sie eigentlich an ihrem Einsatzort nahe Pondicherry an der indischen Ostküste Kindern Englisch-Unterricht geben, Nachhilfestunden abhalten und Computerunterricht anbieten, doch in den letzten Tagen des alten Jahres hat sich ihr Leben schlagartig verändert.
Der Wirbelsturm »Thane« hat die ganze Region verwüstet, ein Gebiet, das schon während des Tsunami vor fast genau sieben Jahren am stärksten betroffen war. Bislang hat diese Naturkatastrophe trotz der immensen Ausmaße keine Resonanz in den internationalen Medien gefunden.
Die beiden jungen Frauen berichten von der Nacht, in der die Naturkatstrophe über sie hereinbrach und den erschütternden Erlebnissen der Tage danach:
„Es ist schwer passende Worte zu finden, zu erklären, zu beschreiben wie es ist, wenn man hautnah eine Naturkatastrophe miterlebt. Wir sitzen nicht vor dem Fernseher, wir stehen in Häusern ohne Dächer und klettern über umgestürzte Bäume. Hier können wir nicht den Kanal wechseln oder die Mattscheibe ausschalten."
Unruhe und Langeweile
Es ist der 2. Januar 2012, vier Tage, seit der Zyklon »Thane« über Pondicherry und Umgebung gefegt ist. Das Unwetter fing Donnerstagnacht an, gegen elf Uhr fiel der Strom aus, soweit nichts Ungewöhnliches für Indien. Nachts werden wir wach von zahlreichen Schlägen und krachenden
Bäumen. Unsere Wohnung steht zum Teil unter Wasser. Den folgenden Tag müssen wir im Apartment verbringen. Die Straßen stehen bis zum Knöchel unter Wasser, es regnet und stürmt weiterhin. Der Strom bleibt fern, sodass kein fließendes Wasser mehr zur Verfügung steht. Waschbecken, Dusche und Toilette werden zu Luxusartikeln, man verzichtet, wo es nur geht.
Zunächst haben wir noch unseren Spaß am Lesen und am Filmegucken, doch schon bald hat der Laptop keinen Akku mehr, die MP3-Player-Batterie neigt sich dem Ende zu und auch per Handy ist man irgendwann nicht mehr zu erreichen. Ab sechs Uhr abends wird es dunkel. Mit einer einzigen Kerze lässt es sich auch nicht mehr lesen. Uns begegnet als erstes: Langeweile.
Menschenleeres, verwüstetes Pondicherry.
Auch am zweiten Tag keine Verbesserung: Wir bleiben fast den ganzen Tag im Haus. Abends dann doch ein Versuch, ins Projektbüro zu kommen. Auf dem Weg dahin trauen wir unseren Augen nicht. Die ältesten und schönsten Bäume Pondicherrys wurden durch den Sturm entwurzelt, Reklame liegt in Fetzen auf der Straße und das Verwunderlichste: Fast niemand ist unterwegs,
die Stadt scheint menschenleer, alle suchen den Schutz des eigenen Hauses.
Auch im Büro kein Strom.
Panik
Am vierten Tag klopft es gegen 5 Uhr morgens heftig an unsere Tür.
Wir begreifen nicht, was passiert, sind im Halbschlaf und machen auf.
Die Nachbarn sagen uns, dass wir sofort aus dem Haus kommen sollen.
Wir verstehen nicht warum, beeilen uns aber. Auf der Straße werden wir informiert: Es soll ein Erdbeben geben. Wir sind völlig geschockt und wissen nicht, wie wir reagieren sollen. Wir sitzen mit den Nachbarn auf der Straße, warten ab, es ist dunkel, nichts passiert. Schließlich stellt sich heraus, dass es zum Glück eine Fehlwarnung war: das Erdbeben hat in Japan stattgefunden.
Mit eigenen Augen - sprachlos vor Entsetzen
Gegen Mittag sind die Hauptverkehrsstraßen rund um Pondicherry größtenteils geräumt. Mit zwei Mitarbeitern fahren wir in Fischerdörfer, um die Lage zu sehen und zu dokumentieren.
Wo soll man mit Hinsehen anfangen? Bei den umgefallenen Strommasten?
Bei den von Bäumen zertrümmerten Häusern? Bei den weggewehten Strohhütten? Bei den unzähligen Fischerbooten, die durch die Wellen ins Landesinnere geschwemmt wurden und an den Palmen zerschellt sind? Selbst als wir über Baumstümpfe klettern und uns wegen der tief hängenden Stromkabel bücken müssen, verstehen wir nicht, was vor sich geht.
Es kommen klagende Frauen mit eingefallenen Gesichtern auf uns zu. Mit wilden Gesten und aufgeregten Stimmen reden sie auf uns ein! Sie haben nichts zu essen, kein Trinkwasser und keinen Strom. „Was könnt ihr für uns tun?" Wir haben keine Antwort.
Die Szenerie ist irreal: ein Traumstrand mit Palmen, Sonnenschein und Meeresrauschen - unter den Palmen Fischer, die auf ihren zerstörten Booten sitzen, hilflos. Ihre Existenz ist zerstört, sie haben nichts, womit sie Geld verdienen und die Familie ernähren können. Eine Frau bittet uns in ihr Haus. Die Ziegel sind abgedeckt, es gibt kaum noch Möbel, alles liegt im Schutt vor dem Eingang.
Wir Freiwillige laufen durch dieses Chaos. Wir sind fassungslos und schweigen zumeist. Wie soll man das erklären? Es ist schmerzhaft zu erfahren, welche Hoffnung die Menschen in uns sehen. Sie glauben, wir hätten Geld für sie, wir könnten ihnen unmittelbar helfen. Aber alles was wir machen können sind Fotos. Wir versuchen das einzufangen, was wir mit Worten nicht beschreiben
können.
Als wir uns später die Bilder ansehen, sind wir enttäuscht. Die Bilder sind ohne Aussage, lediglich ein paar Pixel, die nicht annähernd ausdrücken, was wir eigentlich erlebt haben. Warum wird darüber in Deutschland nicht berichtet? Glaubt uns überhaupt jemand, wenn wir das erzählen? Wie macht man das Geschehene begreifbar? Egal, wie man erzählt und beschreibt, der Andere versteht es nicht. Es ist frustrierend und man resigniert. In solchen Momenten ist man froh, dass man das alles nicht alleine erlebt, sondern dass man einen Team-Partner hat, der das Gleiche sieht und fühlt und mit dem man noch lange über das reden kann, was sich sonst wohl niemand so wirklich vorstellen kann."
Der Zyklon »Thane« hat weite Teile der indischen Ostküste, am stärksten jedoch die Region um Cuddalore und Pondicherry, getroffen. 47 Menschen wurden in der Region Cuddalore und Pondicherry Opfer des Sturms. Sie wurden von herumfliegenden Trümmern oder einstürzenden Wänden und Dächern erschlagen, sie ertranken oder wurden von Stromschlägen herabgerissener Leitungen getötet. Darüber hinaus wurden weit über 70.000 Hektar Ackerland und damit die bevorstehende Ernte von Reis, Getreide und Zuckerrohr sowie zahlreiche Bananen- und Kokosnusspflanzungen zerstört.
Wirtschaftlich stehen viele Familien vor dem Nichts. Nach Schätzungen der Regierung fielen darüber hinaus allein in Cuddalore knapp 306.000 einfache Behausungen (Hütten) dem Unwetter zum Opfer. 124 Umspannstationen wurden ebenfalls zerstört, so dass die Stromversorgung nur lückenhaft funktioniert. Über 125.000 Kinder haben ihre gesamten Schulunterlagen in den Regenfluten verloren.
Am dringendsten werden derzeit Grundnahrungsmittel wie Reis und Öl, Hygieneartikel, trockene Decken und Schlafmatten sowie Unterrichtsmaterial für die Kinder benötigt.
Die Karl Kübel Stiftung ruft zu Spenden auf, um die Nothilfe vor Ort zu unterstützen. Im Mittelpunkt steht die Hilfe für die betroffenen Menschen.
Spendenkonto: Stichwort WIRBELSTURM THANE
Sparkasse Bensheim
BLZ 509 500 68
Kontonummer 50 50 000
Die beiden Freiwilligen Ronja Sames und Johanna Dohl werden weiter über die Hilfsmaßnahmen und die Situation vor Ort berichten.














