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»Es geht darum, die Existenznot der Menschen überwinden zu helfen, ihre Selbsthilfekräfte zu stärken und sie somit in die Lage zu versetzen, ihre Kinder zu ernähren und zu ihrer geistig-seelischen Entwicklung beizutragen.« (Karl Kübel)

Selbsthilfegruppen als „werteorientierte Solidargemeinschaft“...

Frauenselbsthilfegruppe in Indien
Frauenselbsthilfegruppe in Indien

...und wirksames Instrument zur Korruptionsbekämpfung: Erfahrungsbeispiele aus Indien

Das Kürzel „SHG" (Selbsthilfegruppe) ist im ländlichen Indien mittlerweile populär, besonders unter Frauen. Selbst ohne Schulausbildung wissen sie, was eine SHG ist, denn diese stellt für sie eine zuverlässige und faire Kreditquelle dar. Viele Frauen Kredite haben von den SHG als Anschubfinanzierung für Einkommen schaffende Maßnahmen aufgenommen, um damit ihren Lebensunterhalt besser abzusichern.

Auch die Zentralregierung sowie die Landesregierungen in Indien haben erkannt, wie hilfreich und effektiv die SHG zur Lebensverbesserung der Armen sein können. Verschiedene staatliche Pläne zur Verbesserung der Lebensqualität werden daher über diese Organisationen abgewickelt.
Die jüngste Initiative ist die National Rural Livelihood Mission, eingeführt am 3. Juni 2011 von Sonia Gandhi, der Witwe des ermordeten indischen Premierministers Rajiv Gandhi und Vorsitzenden der amtierenden Regierungskoalition UPA (United Progressive Alliance). Laut Sonia Gandhi gibt es in Indien rund 5.000.000 Selbsthilfegruppen, die sich bemühen, die Situation der Frauen in den verschiedenen Bundesstaaten zu verbessern.

Anfangs sind die SHG angetreten, um Kredite auf einer nachhaltigen und fairen Basis an Frauen zu vergeben, und sie damit aus der Abhängigkeit von privaten Geldverleihern - und daraus resultierenden Konsequenzen wie Leibeigenschaft oder Kinderarbeit - zu befreien. Die grundlegenden Ziele waren das wirtschaftliche ‚Empowerment‘ der Frauen (und Männer) durch Mikrokredite und die Entwicklung von Eigeninitiative und Führungskompetenzen unter den Armen. Nach dem Ursprungsgedanken handelt es sich bei einer Selbsthilfegruppe um eine registrierte oder nicht registrierte Gruppe von Personen, die einen mehr oder weniger einheitlichen sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund besitzen. Sie kommen freiwillig zusammen, um kleinere Geldbeträge regelmäßig zurückzulegen. Sie verpflichten sich gegenseitig, in einen gemeinsamen Fonds einzuzahlen, um ihre dringendsten Bedarfe auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe zu erfüllen.

Einfluss der SHG hat zugenommen

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat sich die Rolle der SHG gewandelt; sie haben weitere Funktionen in Wirtschaft und Gesellschaft übernommen und ihre Aktivitäten auf folgende Bereiche ausgeweitet:

1. Kommunalpolitik: Die SHG setzen sich auf Gemeindeebene z.B. für die Umsetzung von Regierungsprogrammen zur Gemeindeentwicklung und zur Unterstützung besonders bedürftiger Gruppen ein, vermitteln Informationen über die Sozialgesetzgebung, Informationen zum Thema häusliche Gewalt, Recht auf Bildung etc. Durch aktive Lobbyarbeit bei Verwaltungsstellen und gewählten Gemeindevertretern versuchen die SHG, Mittel aus lokalen Entwicklungsfonds für ihre Dörfer zu mobilisieren.

2. Frauenrechte: Themen und Problemstellungen werden aktiv in die örtlichen politischen Gremien (Dorfvollversammlung / Gram Saha) eingebracht. Die SHG greifen praktische Anliegen der Frauen auf, so z.B. die Trinkwasserbeschaffung, medizinische Versorgung, Bildung, den Bau von Straßen und von Häusern für die Armen, Altersrenten oder das Verbot von Alkohol. Wirksamer politischer Einfluss zeigt sich besonders in der Mobilisierung der Frauen in den Dörfern: Die Tatsache, dass SHG-Mitglieder im Namen der Frauen auf den Gemeinderatssitzungen sprechen, hat erheblich zur Verbesserung der Situation von Frauen und ihrem Empowerment beigetragen.

3. Interessensvertretung: Die SHG agieren als „Pressure Group" für die Rechte besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen, beispielsweise durch die Einführung von Lebensmittelkarten für arme Familien.

Das „Centre for Development and Harmony" aus dem zentralindischen Bhopal hat im Rahmen einer Studie zwischen April und Mai 2011 die Mitglieder von 13 der insgesamt 1.090 SHG im südindischen Bezirk Coimbatore über die Rolle der SHG beim Empowerment-Prozess von Frauen befragt.

Dabei wurde deutlich, dass sich die Situation der Gruppenmitglieder deutlich verbessert hat: Sie verfügen über ein verbessertes Selbstbild, ein gestärktes Selbstbewusstsein, haben mehr Selbstvertrauen und einen größeren Selbstbehauptungswillen.

Die Studie wurde in der Projektregion und mit Unterstützung des ‚Good Shepherd Health Education Centre‘ (GSHEC) aus Karamadai im südindischen Bezirk Coimbatore durchgeführt. Die gesamten Ersparnisse der 1.090 SHG in diesem Gebiet beliefen sich auf 24.398.427 Rupien, umgerechnet rund 407.000 Euro. Die Frauen der befragten SHG berichteten stolz von ihren Erfolgen bei Einkommen schaffenden Maßnahmen. Deren Erlöse investieren sie in die Bildung der Kinder, in ihre eigenen gewerblichen Aktivitäten und in den Kauf von Vermögenswerten. Insgesamt konnten durch die SHG auch verschiedene Probleme der Dorfgemeinschaft gelöst werden.

SHG überwinden kulturelle Unterschiede und vermitteln Werte

„Das ursprüngliche Motiv für den Start der SHG war der Erhalt von Krediten, um das Familieneinkommen durch eine alternative Einkommen schaffende Maßnahme aufzubessern. Mittlerweile ist daraus eine Verbindung von gleichgesinnten Mitgliedern entstanden", berichtet der Verfasser der Studie,
Pater Jacob Peenikaparambil vom ‚Centre for Development and Harmony‘. Dabei komme es auch vor, dass enge Verbindungen zwischen SHG entstehen, deren Mitglieder verschiedenen Kulturen und Religionen angehören und verschiedene Sprachen sprechen. Dadurch förderten die SHG auf der lokalen Ebene die nationalen Integration und Identität.

Die SHG stehen auch für mehr Werteorientierung und Integrität: Vor der Landtagswahl im Bundesstaat Tamil Nadu im Mai 2011 beispielsweise wollten Vertreter einer politischen Partei im Dorf Vadvalli Spenden verteilen.
Unter der Führung der SHG-Mitglieder lehnten die Dorfbewohner das Spendenangebot mit dem Argument ab, dass ihre Stimmen nicht käuflich seien.

„Die Essenz der christlichen Lehre ist Altruismus."

Große Betrugsfälle, die in Indien in den letzten zwölf Monaten ans Licht gekommen sind, haben das Land erschüttert und die Korruption in den Fokus der politischen Debatte gerückt. Die Stärkung der Selbsthilfegruppen und ihrer Lobby könnte ein wichtiger Schritt sein, um die lokalen Verwaltungen konsequenter zu kontrollieren und bereits an der Basis gegen die Korruption vorzugehen: So sprechen die SHG etwa offen Missstände an, die nach wie vor in verschiedenen Regionen Indiens beim öffentlichen Verteilungssystem, bei Programmen für Kinder und an den Schulen bestehen. Weitere Themen sind die oft unzureichende Arbeit der Verwaltung auf Dorfebene und die einseitige Begünstigung lokaler Entscheidungsträger.

„Die Essenz der christlichen Lehre ist Altruismus. Laut Jesus tun wir all jenes, was wir tun, für Gott. In den meisten Religionen ist Altruismus ein wichtiger Aspekt von Spiritualität. Der religiöse Hintergrund der Mitglieder der Selbsthilfegruppen und ihrer Unterstützer fördert uneigennütziges Handeln. In Gesprächen mit Mitgliedern der SHG ist mir deutlich geworden, dass sie durch ihre Zusammenarbeit dazu bewegt werden, ihre Eigeninteressen zurückzustellen und sich für ihre Mitmenschen einzusetzen", berichtet Pater Jacob Peenikaparambil, Mitglied des indischen Karmeliterordens (Carmelites of Mary Immaculate) und Leiter des in Bhopal ansässigen ‚Center for Development and Harmony‘. 

Der Pressetext basiert auf einem Bericht von Pater Jacob Peenikaparambil, Mitglied des indischen Karmeliterordens (Carmelites of Mary Immaculate) und Leiter des in Bhopal ansässigen Center for Development and Harmony.
Die erwähnte Studie haben Pater Jakob und Maria Leelavathi durchgeführt.

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