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»Es geht darum, die Existenznot der Menschen überwinden zu helfen, ihre Selbsthilfekräfte zu stärken und sie somit in die Lage zu versetzen, ihre Kinder zu ernähren und zu ihrer geistig-seelischen Entwicklung beizutragen.« (Karl Kübel)

Vortragsreihe "Weiter denken …!"

Primarschulbildung für alle
Primarschulbildung für alle, 2. Millennium-Entwicklungsziel und gleichzeitig einer der Förderschwerpunkte der Karl Kübel Stiftung
Prof. Uwe Holtz
Prof. Uwe Holtz

"Eine Welt oder Keine Welt! Die Millennium-Entwicklungsziele und warum deren Erreichung auch in unserem Interesse liegt"

Abendveranstaltung in Kooperation von GGEW, Sparkasse Bensheim, Karl Kübel Stiftung 

Am 5. Mai 2011 fand um 19 Uhr im Kundenberatungszentrum der Sparkasse Bensheim vor mehr als 100 geladenen Gästen ein weiterer Vortrag aus der Reihe "Weiter denken..." statt.

Redner an diesem Abend war Prof. Dr. Uwe Holtz vom Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie/IPWS der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

„Wer wirklich Frieden will, muss die Massenarmut bekämpfen"

Im September des Jahres 2000 haben 189 UN-Mitgliedstaaten in der "Millenniumserklärung" versprochen, eine bessere Welt aufzubauen und erhebliche Anstrengungen zur Verwirklichung dieser Vision in Angriff zu nehmen. Doch heute, 11 Jahre später, erlebt die Weltöffentlichkeit den Atomunfall in Japan, Aufruhr und Gewalt in der arabischen Welt und einen immer intensiveren Konkurrenzkampf um Ressourcen. Welche Bedeutung haben die Millenniumsziele vor diesem Hintergrund? Wie sieht ihre Zwischenbilanz aus? Spielen sie international überhaupt noch eine Rolle? Oder haben sie gerade durch die Krisen an Aktualität und Berechtigung gewonnen? Zu diesen Fragen hat sich Professor Holtz in einem Interview geäußert, das er der Karl Kübel Stiftung unmittelbar vor seinem Vortrag am 5. Mai in Bensheim gegeben hat:

Wie stehen heute die Chancen, dass alle Millennium-Entwicklungsziele bis 2015 erreicht werden?

Global gesehen stehen die Chancen schlecht. Wenn man allerdings Differenzierungen nach Weltregionen und Ländern vornimmt, dann bestehen für einige Millennium-Entwicklungsziele in bestimmten Ländern gute Chancen. Selbst in Afrika haben etwa Botswana, Angola, Burkina Faso, Ghana, Uganda und Mauritius einige Ziele bereits zur Hälfte erreicht und sind dabei, bis 2015 vielleicht das eine oder andere Ziel voll zu erreichen.

Welchen Stellenwert haben die Millennium-Entwicklungsziele derzeit auf der internationalen Bühne? Besteht die Gefahr, dass sie angesichts der aktuellen internationalen Krisen und Katastrophen von den Regierungen vernachlässigt werden oder aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten?

Für die Entwicklungsländer haben die Millennium-Entwicklungsziele einen hohen Stellenwert. Bei den Industrieländern ist eine gemischte Haltung festzustellen. Viele Staaten, auch die Bundesrepublik Deutschland, haben Programme aufgelegt, um ihre Anstrengungen zu verstärken. Auf der anderen Seite sehen viele die Millenniumserklärung als ebenso wichtig an wie die eigentlichen Ziele. In der Erklärung finden sich wichtige internationale Prinzipien wie Frieden, Sicherheit, Demokratie, Menschenrechte sowie gutes Regierungs- und Verwaltungshandeln. Bei uns allerdings ist das öffentliche Interesse an den Millennium-Entwicklungszielen, falls es überhaupt hoch war, gesunken.

Wie wirken sich die aktuellen politischen Umwälzungen in Nordafrika und im Nahen Osten auf die Realisierung der Millennium-Entwicklungsziele aus?

Ich habe zumindest die Hoffnung, dass sich die Entwicklung in diesen Regionen positiv auswirkt. Warum positiv? Weil es gemäß der Millenniumserklärung und Millennium-Entwicklungszielen wichtig ist, dass Demokratie und Menschenrechte viel stärker in den Fokus gerückt werden. Was sich im Nahen Osten an Bürgerprotesten abspielt - diese „Arabellion" - macht deutlich, dass viele Menschen zwar gut bezahlte Arbeitsplätze und eine bessere Ausbildung wollen, dass man aber auch nach Freiheit und Demokratie hungert. Daher kann ich mir vorstellen, dass dort räuberische diktatorische Regime beseitigt und durch demokratische, rechtsstaatliche Ordnungen ersetzt werden. Dies hat sowohl für die anderen Entwicklungsländer Signalwirkung, als auch für die Öffentlichkeit in der EU und in Deutschland. Es verleiht Mut und ermöglicht ein größeres Engagement, wenn man bei uns sieht, dass dort neue, positive Wege beschritten werden, und dass das Geld bei den richtigen Zielgruppen ankommt.

Über unsere ethische Verantwortung einer gerechten und nachhaltigen Weltentwicklung hinaus, wo liegen die elementaren Eigeninteressen Deutschlands und der Industrienationen  zur Realisierung der Millennium-Entwicklungsziele?

Zunächst einmal sind die ethischen Fundierungen wichtig, sei es durch die christliche Soziallehre oder durch Solidarität und Humanismus jenseits christlicher Auffassungen. Darüber hinaus sehe ich in fünf Bereichen wohl verstandene Eigeninteressen für Deutschland, die EU und andere Industrieländer. Erstens: Wer den Frieden sichern will, muss auch die Massenarmut in anderen Weltregionen bekämpfen. Zweitens wird es zu größeren Fluchtbewegungen aus Entwicklungsländern kommen, wenn die dortigen Lebensverhältnisse nicht verbessert werden. Die Lebensverhältnisse verbessern heißt, die materiellen und die immateriellen zu verbessern - eben auch dem Wunsch nach mehr Freiheit nachzukommen. Drittens: Es müssen Beiträge für einen besseren Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen geleistet werden, und zwar über die nationalen Grenzen hinweg. Viertens: Wer Beiträge dazu leistet, dass es in den so genannten Entwicklungsländern positive wirtschaftliche Entwicklung gibt, sorgt gleichzeitig dafür, dass Deutschland bessere Chancen als Handels- und Exportnation hat und hier Arbeitsplätze gesichert werden. Ein Land, dem es materiell besser geht, ist viel interessanter für uns als Exportmarkt, ich denke hier nur an den Automobilbereich. Fünftens - Stichworte „Osama Bin Laden" und „internationaler Terrorismus": Es ist deutlich geworden, dass man den Terrorismus nicht nur mit militärischen und geheimdienstlichen Mitteln bekämpfen kann, sondern ihm besser und nachhaltiger durch wirtschaftliche und soziale Entwicklung, starke Institutionen und Rechtstaatlichkeit die Grundlage entzogen wird.

Unternimmt Deutschland genug, um seinen Beitrag zu der Verwirklichung der Millennium-Entwicklungsziele zu leisten?

Deutschland unternimmt schon vieles, aber nicht genug, um auch die eigenen Beschlüsse - zum Beispiel den Kabinettsbeschluss der Regierung Schröder von 2001 - umzusetzen. Ich nenne nur das Beispiel öffentliche Entwicklungszusammenarbeit: Die jetzige Regierung hat angekündigt, bis zum Jahre 2015 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen, und bis zum Jahr 2010 0,51 Prozent. Im Jahr 2010 waren es tatsächlich aber nur 0,38 Prozent, und man wird auch in den nächsten Jahren nicht das gesteckte Ziel erreichen.

Welche Bedeutung und Rolle haben Nicht-Regierungsorganisationen wie die Karl Kübel Stiftung, wenn es um die Verwirklichung der Millennium-Entwicklungsziele geht, welchen Beitrag können sie leisten, damit diese erreicht werden?

Die Karl Kübel sollte besonders dort, wo sie komparative Vorteile gegenüber anderen hat, besonders tätig sein, etwa im Bereich von Jugend, Familie, Kindern. Aber ich bitte zu bedenken, dass selbst ganz Deutschland als Staat nur einen gewissen Beitrag leisten kann. Weiterhin spielen UNO-Organisationen, die EU und die Privatwirtschaft eine Rolle, politische Stiftungen und viele andere. Insofern muss man sich bewusst sein, dass sehr viele Akteure auf Entwicklung insgesamt einwirken. Und wenn die Karl Kübel Stiftung dabei vor Ort basisnah tätig ist, dann kann ich nur sagen „weiter so".

Kernaufgaben ihres Wirkens sieht die Karl Kübel Stiftung in den Bereichen Bildungsförderung und Empowerment. Wie elementar sind diese Bereiche für die Erreichung auch der anderen Millennium-Entwicklungsziele?

Bildung ist ein Schlüsselfaktor für Entwicklung. Bildung ist wichtig zur Selbstverwirklichung der Individuen. Bildung ist wichtig für die Gesamtgesellschaft, wichtig, um Einkommen zu sichern und bessere Arbeitsplatzchancen zu haben. Bildung ist zentral, wenn man Aids, Malaria und andere Krankheiten bekämpfen will und wenn der Umweltschutz erhöht werden soll. Bildung ist wichtig im Technologiebereich und grundlegend für die Demokratieförderung. Was Empowerment angeht: Die Macht und der Einfluss von Frauen und Familien müssen gestärkt werden. Die Karl Kübel Stiftung hat dies in ihrer Entwicklungszusammenarbeit anerkannt. Mitbestimmen, das ist Empowerment. Menschen, egal wo auf der Welt, müssen das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Dazu braucht man Institutionen, die ihnen die Macht ermöglichen, an denen sie mitwirken. Darum geht es auch in Libyen, im Jemen, in Syrien usw.

Die Karl Kübel Stiftung setzt sich z.B. schon im Rahmen ihrer Jugendarbeit - Stichworte „Jugendaktion" und „weltwärts" - seit Jahren dafür ein, das Wissen über globale Zusammenhänge und die Millennium-Entwicklungsziele zu vermitteln und frühzeitig ein Bewusstsein hierfür zu fördern - brauchen wir hierzulande und weltweit mehr solcher Aktivitäten?

Wir erleben gerade die Dekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung - hier passen sich die Aktivitäten der Karl Kübel Stiftung ein. Generell sind auch die Beiträge von anderen Stiftungen für die Millennium-Entwicklungsziele zu begrüßen Von den Kitas und Schulen bis hin zu den Gewerkschaften und dem unternehmerischen Bereich: überall ist es wichtig zu erkennen, dass es seit der Konferenz von Rio de Janeiro 1992 ein neues Entwicklungsparadigma gibt, das Paradigma einer nachhaltigen, menschenwürdigen Entwicklung. Nachhaltige Entwicklung bezieht sich aber nicht nur auf den ökologischen Bereich, sondern auch auf soziale, ökonomische und politische Dimensionen. Jede Diktatur widerspricht der Natur des Menschen - ob das in der DDR war, in Kuba oder in Nordafrika.

Seit 2010 schreibt die Karl Kübel Stiftung jährlich den mit 50.000 Euro dotierten Karl Kübel Preis aus. In diesem Jahr steht der Preis unter dem Motto "Macht uns stark - Familien lernen Zukunft". Damit sollen herausragende Projekte und Initiativen aus Deutschland ausgezeichnet werden, die Kinder und deren Eltern das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung vermitteln. Welche Signal-wirkung könnte dieser Preis mit Blick auf die Unterstützung der Millennium-Entwicklungsziele entfalten?

Der Karl Kübel Preis hat besonders dann eine positive Wirkung, wenn man Preisträgerinnen und Preisträger findet, die gute Beispiele für andere sind.
Es muss nicht immer „best practice" sein. Gute Beispiele können schon vieles bewirken.

Worin liegt die konkrete Bedeutung der Millennium-Entwicklungsziele für die Menschen hier bei uns im Alltag? Handelt es sich um ein hehres Ziel, das jedoch weit weg von unserem gelebten Alltag ist, oder handelt es sich um eine grundlegende Zukunftsfrage, deren Bedeutung und Auswirkungen täglich erfahrbar sind?

  Wer wirklich Frieden will, muss die Massenarmut bekämpfen; wer wirklich dafür sorgen will, dass sich die Demokratie durchsetzt, muss die Millenniumserklärung ernst nehmen. Ein besseres Leben heißt auch, dass ausbeuterische Verhältnisse in manchen Entwicklungsländern bekämpft werden; dass nicht Arbeitnehmer in verschiedenen Ländern gegeneinander ausgespielt werden, weil in einem Staat günstiger produziert wird als in einem anderen. Ziel ist es auch, dass weltweit faire Produktions-, Handels- und Sozialbedingungen herrschen. Das dient den Menschen in den Entwicklungsnationen, verhindert aber bei uns etwa ein Lohn- und Sozialdumping. Dass etwa in Indien und China die Menschenrechte ernst genommen werden, Arbeitnehmerrechte gestärkt werden und faire Löhne gezahlt werden, liegt auch in unserem Interesse. Eine Welt oder keine Welt!

Was können die einzelnen Menschen unternehmen, um im Alltag ihren persönlichen Beitrag zur Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele zu leisten? Wo kann jede und jeder Einzelne ansetzen, wo und wie kann man sich engagieren?

Man kann sich in Initiativen engagieren; das fängt bei Nicht-Regierungs-organisationen und Stiftungen an; man kann sich in politischen Parteien engagieren, etwa für eine bessere und höhere Entwicklungshilfe. Ich kann fair gehandelte Produkte kaufen und mich dadurch gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse einsetzen, ich kann als Verbraucher täglich solche Wahlen treffen und mit dafür sorgen, dass Armut bekämpft wird. Man kann durch internationale Solidaritätsmaßnahmen mit dafür sorgen, dass andere Unterstützung erhalten. Das Internet hat sowohl in Nordafrika, als auch bei uns positiven Einfluss genommen. Die UNO-Organisationen müssen unterstützt und dazu angehalten werden, das Tandem Entwicklung und Umwelt weiterzufahren. Auch ein Engagement in den Kirchen kann sehr wohl dazu beitragen, dass die Millennium-Entwicklungsziele ernster genommen werden.

Das Gespräch führte Dr. Georg Ludwig, Karl Kübel Stiftung. Zusätzlich zu diesem Interview stehen auf dieser Seite auch der Vortragstext und die Präsentation von Professor Holtz zum Lesen und Herunterladen zur Verfügung.


Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie

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