DIW-Forscher Markus Grabka stellte neue Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland vor: „Kinder leiden am meisten unter aktuellen Einsparungen im Sozialbereich."
„Armut in Deutschland - Kompensation oder Gegenstrategie" - so lautete das Thema des Vortrags, den Dr. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwochabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Weiter denken..." von Karl Kübel Stiftung und Sparkassenstiftung Starkenburg im Kino Saalbau in Heppenheim gehalten hat.
Der für seine pointierten Thesen bekannte Wissenschaftler bezeichnet sich selbst lieber als „Umverteilungsforscher" denn als Armutsforscher: Er analysiert die gesellschaftliche Entwicklung, vor allem hinsichtlich der Verteilung von Armut und Reichtum in der Bevölkerung in den letzten Jahren. Wenig verwunderlich daher, dass er das rund 100 Gäste zählende Publikum mit teils alarmierenden Thesen konfrontiert hat: Seit dem Jahr 2000 sind die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung noch wohlhabender geworden, während die unteren zehn Prozent deutlich an Einkommen verloren und die mittleren Einkommen stagniert haben, so eine seiner Eingangsfeststellungen. „Bis in die 90er Jahre war das Armutsrisiko hierzulande stabil, doch seit der Jahrtausendwende hat sich Deutschland strukturell verändert. Die relative Armutsrisikoquote ist allein zwischen 1999 und 2009 um 40 Prozent gestiegen, heute leben 11,5 Millionen Menschen im Armutsrisiko."
Grabka orientiert sich an einem Armutskonzept, wonach - vereinfacht ausgedrückt -Menschen als arm gelten, wenn ihnen die Mittel und Zugänge fehlen, um an Ressourcen wie Bildung und am sozialen Leben teilzuhaben.
„Generation Praktikum" muss Familienplanung hintenan stellen
Mit Blick auf die Karl Kübel Stiftung, die sich insbesondere für ein chancengerechtes Aufwachsen von Kindern einsetzt, konnte der Forscher des renommierten DIW neue Zahlen über die Lage von Familien und Migranten präsentieren: Unter Kindern, jungen Erwachsenen und Migranten sei das Armutsrisiko am höchsten. Besonders belastete Gruppen seien auch Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen ohne Arbeit oder mit geringem Einkommen; solche prekären Einkommensverhältnisse" und mangelnde sichere Berufsaussichten halten laut Grabka gerade auch viele junge Menschen davon ab, eine Familie zu gründen, was sich wiederum negativ auf die Bevölkerungsentwicklung und die Leistungsfähigkeit des sozialen Sicherungssystems auswirke. Die „Generation Praktikum" sich angesichts unsicherer Perspektiven davor, eine Zukunft mit Kindern zu planen.Teufelskreis aus mangelnder Bildung und Armut
Die größten Herausforderungen hierzulande sieht der Sozialwissenschaftler in der Kinderarmut sowie in den zunehmend schlechteren Bildungs- und Aufstiegschancen. Grabka wörtlich: „In ihren Sonntagsreden sagen Politiker oft, dass Bildung wichtig ist und dass mehr dafür ausgegeben werden muss. In der Realität ist in den letzten Jahren immer weniger in Bildung investiert worden." Dies führe nicht zuletzt zu schlechteren Zukunftschancen für den Nachwuchs: „Mittlerweile empfangen 15,7 Prozent der Kinder Sozialleistungen, doch die verdeckte Armut unter ihnen liegt bei 40 Prozent. Sie leiden am meisten unter den Einsparungen im Sozialhaushalt nach der internationalen Finanzkrise." Deren Folgen hätten die wohlhabendsten Bevölkerungsgruppen dagegen längst überwunden: „2009 war die Zahl der Vermögensmillionäre in Deutschland um 51.000 höher als im Jahr der Krise."
Arme Kinder jedoch hätten es hierzulande schwerer als anderswo, wieder einen besseren Status zu erreichen: „Deutschland ist das Land, in dem soziale Herkunft für den schulischen Erfolg ausschlaggebend ist." Kindern aus armen Familien, aber auch jungen Erwachsenen fehle es am Zugang zu ausreichenden Bildungsmöglichkeiten und Ressourcen. Eltern mit geringen Verdienstmöglichkeiten oder in Arbeitslosigkeit wiederum könnten aus eigener Kraft kaum ein höheres Einkommensniveau erreichen; diese „mangelnde Einkommensmobilität" führe dazu, dass die Aufstiegschancen sinken, „Armutskarrieren" entstehen und der Abstand zwischen Arm und Reich immer größer werde.
Gesamtgesellschaftliche Herausforderung
Wie soll der Staat auf diese Entwicklung reagieren? Angesichts der ernüchternden Fakten, die Markus Grabka mit zahlreichen Statistiken und Grafiken eindrücklich untermauert hat, fragten ihn viele aus dem Publikum nach konkreten Lösungsvorschlägen und Gegenstrategien. Die Antworten blieb er nicht schuldig: "Umverteilung ist der falsche Weg, denn in Deutschland wird bereits zu viel verteilt. Das vorhandene Geld muss jedoch zielgenauer für die benachteiligten Gruppen eingesetzt werden und bei ihnen ankommen." Als Beispiele nannte er mehr Investitionen in Bildungs- und Qualifizierungsangebote sowie den besseren Zugang zu weiteren Ressourcen, etwa im Bereich von Betreuungs- und Sport- und kulturellen Angeboten für Kinder.
„Der Weg aus dem Armutskreislauf ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Die Politik muss ihren Teil dazu tun, doch der Impuls von oben allein reicht nichts aus. Auch die Menschen an der Basis - angefangen bei Vereinen und in kleinen Kommunen - müssten aktiv werden. „Ein hervorragendes Beispiel, wie für Kinder und Familien die Teilhabe an Bildung und am gesellschaftlichen Leben verbessert werden kann, ist das Bildungsforum in der kleinen hessischen Gemeinde Mengerskirchen; mit der Verleihung des Karl Kübel Preises 2010 an diese Initiative hat die Karl Kübel Stiftung genau das richtige Zeichen gesetzt", so Grabka.








