Verspieltes Indien - Eindrücke einer 14-tägigen Gruppenreise der besonderen Art
"Spielkultur Indien" - unter diesem Titel machten sich Ende Februar elf Neugierige aus Sachsen, Hessen, Niedersachsen, Berlin, Bayern und Baden-Württemberg auf den Weg nach Indien.
Die über den Reiseveranstalter INTERCONTACT aus Remagen organisierte 14-tägige Tour führte von der südindischen Millionenstadt Bangalore - auch das indische "Silicon Valley" genannt - über weitgehend von Armut und Unterentwicklung geprägte ländliche Regionen im Hochland von Karnataka. Die Reise umfasste die berühmten kulturhistorischen Glanzlichter Belur und Halebid, die Residenzstadt Mysore, die alte englische Sommerresidenz Ooty, Coimbatore und abschließend Chennai, das ehemalige Madras an der indischen Ostküste. Mit Bus und Bahn, oft auch zu Fuß tauchten die Reisenden in die Vielfalt des indischen Alltags ein - in Städten, auf Märkten und in entlegenen ländlichen Gemeinden.
Neben den kulturhistorischen Highlights, dem bunten Treiben auf den Straßen und Märkten waren es vor allem die intensiven Begegnungen mit den Menschen, die die Reise für die Teilnehmenden zu einem unvergesslichen und prägenden Erlebnis werden ließen. Intensive Besuche in Entwicklungsprojekten der Karl Kübel Stiftung bildeten Kontrastpunkte zu den kulturhistorischen Teilen der Reise.
Bilder der Reise
Indien - historische Wiege des Schachspiels
Spielen und der Austausch über Spiele bildeten die thematische Klammer für die Reise. Indien als historische Wiege des Schachspiels und anderer Spiele sowie die Möglichkeit, in verschiedenen Einrichtungen mit Kindern zu spielen, boten den idealen Rahmen für das Thema. FamilyGames, der familienpädagogische Spielebereich des Felsenweg-Instituts der Stiftung, hatte die Reise mitkonzipiert.
Erster Höhepunkt war der Besuch eines ländlichen Entwicklungsprojekts der Karl Kübel Stiftung im Hochland von Karnataka. In dieser bereits Ende Februar von Dürre gekennzeichneten Region hatten die Reisenden das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Im Vergleich zu Bangalore, dem modernen, westlich anmutenden Ausgangspunkt der Reise, herrscht hier der Rhythmus des ländlichen Indiens. Ochsengespanne ziehen wie vor Hunderten von Jahren ihre Fuhren, Frauen mahlen mit schweren Granitmühlen das Korn; Landwirtschaft ist fast ausschließlich schwerste Handarbeit. Frauen pflanzen in mühsamer Handarbeit die Reissetzlinge in den Boden. Hier schlägt nach wie vor das Herz Indiens.
Hinter der ländlichen Idylle kommen jedoch schnell die Probleme zu Tage: Armut, niedrige Erträge, Wassermangel und saisonale Abwanderung der Familien auf der Suche nach Arbeit und Einkommen bringen viele Belastungen mit sich. Kinderarbeit ist hier eine der wesentlichen Folgen.
Neugier und Lebensfreude der Kinder mit schweren Schicksalen
Zutiefst beeindruckend waren für die Besucher die Begegnungen mit ehemaligen Kinderarbeitern, die in so genannten Brückenschulen durch intensive Betreuung und Förderung wieder an ihr Schulniveau herangeführt werden.
Es wurde deutlich, dass es der Karl Kübel Stiftung in der Arbeit mit den Kindern nicht nur darum geht, ihnen durch Bildung eine echte Chance und Perspektive im Leben zu geben; es geht auch darum, ihnen ein Stück "Kindheit" zu ermöglichen - mit Spiel, Spaß und der Perspektive, ihre Potenziale zu entwickeln und zu realisieren. Diese Botschaft ist bei den Kindern angekommen. Das zeigten zahlreiche Gespräche; Berufwünsche wie Arzt, Richter, Lehrer und IT-Ingenieur wurden genannt. Die Teilnehmer waren sich sicher: Erhalten die Kinder eine echte Chance, dann werden sie es auch schaffen. Der Lerneifer und das intensive Bemühen, sich mit den Besuchern auf Englisch zu unterhalten, waren bemerkenswert.
In der Brückenschule für ehemalige Kinderarbeiter in Tarikere stand ein erster großer "Spielenachmittag" auf dem Programm. Spannend war die Frage, wie es zu schaffen ist, angesichts der sprachlichen Barrieren Spiele und Spielregeln gegenseitig zu kommunizieren. Neben der Regionalsprache Kannada sprechen die Kinder nur ansatzweise Englisch, die deutschen Reisenden sprechen nur Englisch. Mit verschiedenen Spielen versehen, verteilten sich die Mitglieder der Reisegruppe. Spontan setzten sich ca. 80 Kinder in Kleingruppen zu den Spielern. Mit den begrenzten sprachlichen Fähigkeiten und "mit Händen und Füßen" wurden die Spiele erklärt; nach nur wenigen Minuten wurde munter gespielt. Es war verblüffend, zu sehen, dass die Kinder nach kurzer Zeit sogar komplizierte Strategiespiele verstanden hatten und allein weiterspielen konnten.
Anschließend wollten die Kinder auch ihre Spiele vorführen: Das komplizierte Malen von Rangolis, Tauziehen, Sackhüpfen und "Breaking the Pot" standen auf dem Programm.
Die Erfahrung, die unendliche Neugier und die Spontaneität der Kinder, ihre Lebensfreude - trotz zum Teil erschütternder Schicksale - waren für alle Teilnehmenden beeindruckend. Der Funke war schnell übergesprungen, und ungeachtet der sprachlichen Hürden war gegenseitiges Verstehen möglich.
Kulturhistorische Highlights der Reise
Kulturhistorisch kamen die Reisenden bei intensiven Tempelführungen in Belur, Halebid, Sravana Belgola und Mysore auf ihre Kosten. Neben der imposanten Architektur der südindischen Hoysala-Dynastie aus dem 12. Jahrhundert war es vor allem die Kompetenz der indischen Reiseleitung, die einen tiefen Einblick in die hinduistische Mythologie ermöglichte. Die filigranen Skulpturen der nahezu vollständig erhaltenen Tempelkomplexe von Belur und Halebid sind zwei der schönsten und prägendsten Beispiele hinduistischer Baukunst in Südindien.
Spontane Besichtigungs-Stopps auf der Fahrt, um Landarbeitern bei der Arbeit zuzusehen, eine Kaffeeplantage und die engen, einfachen Hütten von Ziegeleiarbeitern zu besuchen sowie die Zugfahrt mit der über 100 Jahre alten Nilgiri-Blue-Mountain-Schmalspurbahn machten die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis. Auch der Besuch eines Ashrams, die Wanderung zu den Toda-Siedlungen nahe Ooty und Ausflüge auf Märkte und Basare in den Städten begeisterten alle TeilnehmerInnen.
Ebenfalls wurde das indische Volksspiel Carrom ausführlich ausprobiert. Nach einer Einführung in die Philosophie und Regelkunde bestand im indischen Bildungsinstitut der Stiftung, dem Karl Kübel Instuitute for Development Education (KKID), die Möglichkeit, mit und gegen einen ehemaligen Carrom-Weltmeister zu spielen.
Besonderes Highlight der Reise war die Teilnahme am Sri Ranganathar Temple Car Festival in Karamadai. Einmal im Jahr wird Ranganathan, die hinduistische Gottheit des Tempels von Karamadai, auf einem riesigen Tempelwagen von Tausenden von Pilgern um den Tempelbezirk gezogen. Hunderttausende kommen an diesem Tag in die Stadt, um dem Spektakel beizuwohnen.
FamilyGames überreicht 1.000 Euro
Zum Abschluss der Reise wurde im Abhaya Students Shelter (A.S.S.) bei Coimbatore, einer von der Karl Kübel Stiftung und zahlreichen Spendern unterstützten Einrichtung, ein Scheck in Höhe von knapp 1.000 Euro übergeben. Das A.S.S. beherbergt Mädchen, die aus Familien stammen, die von HIV/Aids betroffen sind. Die meisten der Kinder haben ihre Eltern bereits durch die tödliche Immunschwächekrankheit verloren. FamilyGames hatte über das letzte Jahr hinweg bei verschiedenen Spieleveranstaltungen in Deutschland für das Kinderheim gesammelt. Udo Schmitz und Franka Ruppel von FamilyGames haben die Spende gemeinsam überreicht.
Die eingebundenen Besuche in Entwicklungsprojekten der Stiftung waren wichtig, um die Komplexität von Entwicklungsarbeit zu verstehen; der Ansatz der "Hilfe zur Selbsthilfe" hat für die Reisenden klare Konturen bekommen. Aber auch die spezielle Bindung der Stiftung an Indien und die dortigen Projektpartner wurde ausdrücklich hervorgehoben. "Mit dieser Reise hat die Arbeit der Karl Kübel Stiftung für uns ein Gesicht bekommen", so die Rückmeldung vieler Teilnehmer.
Vielfältige Impressionen - wichtige Erfahrungen
Die Vielfalt der Eindrücke, besonders aber die intensiven menschlichen Begegnungen wurden abschließend besonders hervorgehoben. Indien mit allen Sinnen erleben, den Boden und die Menschen des riesigen Subkontinents spüren, ein Gefühl für dieses Land bekommen und sich nicht von Vorurteilen und Ängsten bestimmen lassen, sondern positiv und offen in dieses Land treten, waren für viele die wichtigsten Erfahrungen.
Vor dem Hintergrund der vielfältigen Impressionen, der bedrückenden Not und der gleichzeitigen Gastfreundschaft, Offenheit und Lebensfreude der Menschen hat FamilyGames beschlossen, ein eigenes Projekt, einen "FamilyGames Kindergarten", zu starten. "Wir haben hier eindrucksvoll erlebt, dass der Schlüssel für die Entwicklung der Kinder der Zugang zu Bildung ist. Vielfach fehlt gerade in ländlichen Gemeinden der erste Einstieg, also die Betreuung in Kindergärten. Die Mütter sind oft gezwungen, ihre Kinder mit auf die Felder oder Baustellen zu nehmen, wo sie ihr tägliches Brot verdienen. Das frühe Abgleiten in Kinderarbeit ist häufig die Folge. Daher wollen wir mit einem eigenen Kindergarten dazu beitragen, Kindern in entlegenen ländlichen Gebieten den Zugang zu Bildung zu ermöglichen", so Udo Schmitz.
















