»Hilfe zur Selbsthilfe kann nur geleistet werden, wenn man sich in erster Linie als Lernender in ein fremdes Land begibt.« (Karl Kübel)

Mangrovenwälder schützen die einzigartige Natur- und Kulturlandschaft in den Sundarbans, Indien

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Dr. Michael Holländer
m.hollaender@kkstiftung.de

Geo schützt den Regenwald e.V. unterstützt seit 2007 ein integriertes Wiederaufforstungs- und Entwicklungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Karl Kübel Stiftung, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie der Tagore Society for Rural Development.

Die Sundarbans - eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft
Südöstlich von Kolkata liegt das ausgedehnte Mündungsdelta des Ganges, des Brahmaputra und des Meghna - die Sundarbans. In diesem verwirrenden Labyrinth aus Wasserläufen und Inseln finden sich bis heute die größten zusammenhängenden Mangrovenwälder der Erde. Das Biotop ist ein Rückzugsgebiet für viele Vogelarten und für den vom Aussterben bedrohten bengalischen Tiger. Die Gewässer beheimaten zudem zahllose Fischarten, darunter auch den seltenen Irrawadi Delphin.

Daneben hat sich durch die Eindeichung zahlreicher Inseln seit dem 13. Jahrhundert eine einzigartige Kulturlandschaft entwickelt. In den Sundarbans leben heute, geschützt durch einfache Deiche aus Schlick, etwa vier Millionen Menschen von der Landwirtschaft und vom Fischfang.

Der Mangel an Süßwasser sowie die periphere Lage der Region, die nur mit kleinen Booten auf zum Teil gefährlichen Gewässern zu erreichen ist, ermöglichen dabei nur ein kärgliches Leben. Etwa 90 Prozent der Menschen in den Sundarbans leben unter der offiziellen Armutsgrenze und viele können von den wenigen Erträgen ihrer harten Arbeit oft kaum den eigenen Bedarf decken.
In Anbetracht der Armut der Inselbewohner war es dann auch verständlich, dass viele Menschen zunächst mit Skepsis und Verwirrung reagiert hatten, als sie im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojektes der Karl Kübel Stiftung unter anderem dazu angeregt wurden, Mangroven zum Schutz der Deiche aufzuforsten.

Für die Zielgruppen des ländlichen Entwicklungsprojektes erschienen andere Maßnahmen zunächst viel notwendiger, als auf dem Wasser schwimmende Mangroven-Samen zu sammeln, sie in kleinen Baumschulen zu Mangrovensetzlingen aufzupäppeln und diese dann im Schlick vor den Deichen anzupflanzen und zu bewachen.
Doch die anfängliche Skepsis hat sich durch ein dramatisches Ereignis heute in großes Interesse gewandelt.

Ein Wirbelsturm mit katastrophalen Folgen für die Sundarbans

Von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen, fegte der Wirbelsturm AILA am 25. Mai 2009 über die Sundarbans und führte dort zu verheerenden Verwüstungen. Mehr als drei Stunden wütete der Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h, sintflutartigen Regenfällen und einer verheerenden Sturmflut. Die offizielle Bilanz der Katastrophe:
Hunderte Todesopfer, tausende verendete Nutz- und Wildtiere, mehr als eine halbe Millionen Obdachlose, ca. 500 Kilometer zerstörte Deichanlagen sowie durch in die Polder eintretendes Salzwasser teils irreversibel zerstörte Trinkwasserbrunnen und Felder. Nach inoffiziellen Schätzungen haben in den Monaten nach der Katastrophe täglich bis zu 8.000 Menschen die Katastrophenregion auf der Suche nach einer neuen Heimat verlassen. Diese Suche endet für die meisten in den Slums von Kolkata.

Inzwischen gehen viele Experten davon aus, dass der Wirbelsturm AILA nur ein erster Vorbote für ähnliche Schadensereignisse war, die bedingt durch den globalen Klimawandel die Natur- und Kulturlandschaft der Sundarbans bedrohen. Die Bewohner der Sundarbans wären, so betrachtet, eine der ersten klimawandelbedingten Flüchtlinge in Indien.

Mangrovenwälder zum Schutz der Deiche

Die Vorfahren der heutigen Inselbewohner hatten die Deiche zur Landgewinnung in den Sundarbans angelegt und diese aus gutem Grund viele Meter hinter der Wasserlinie aufgeschüttet und einen breiten Mangrovenwald-Streifen zwischen den Flussläufen und den einfachen Deichanlagen belassen.

Die den Dämmen aus Schlick vorgelagerten Mangrovenwälder reduzieren die Wucht der Wellen, verlangsamen die Gezeitenströmung und verhindern so die Erosion oder gar den Durchbruch der Deiche.

Die Abholzung der zum Teil wertvollen Mangrovenwälder, der Verbiss der nachwachsenden Triebe und Bäume durch Ziegen sowie das Ausgraben von Schneisen zum Anlegen der Fischerboote sind nur einige der vielen Gründe, warum die Mangrovenbannwälder in den letzten Jahren immer weiter abgenommen haben.

Übrig bleibt oft nur ein kahler Streifen aus Schlick und Schlamm, der ohne den Halt der Mangrovenwurzeln den starken Gezeitenströmungen nicht lange standhalten kann und erodiert.

Am Ende des Degradierungsprozesses der Mangrovenwälder stehen die Deiche direkt an der Wasserlinie, und die Befestigung der Deiche erscheint ohne den Einsatz massiver ingenieurtechnischer und schwer kalkulierbarer finanzieller Ressourcen als ein hoffnungsloses Unterfangen.

Ohne die Wiederaufforstung der Mangrovenbannwälder ist ein Überleben der Menschen in den Sundarbans nicht möglich...
Die Folgen des Wirbelsturm AILA haben sowohl der lokalen Bevölkerung als auch der indischen Regierung mit trauriger Dramatik vor Augen geführt, wie extrem gefährdet die Siedlungsräume in den Sundarbans angesichts des raschen Klimawandels sind.
Die Lektion lässt sich einfach zusammenfassen: Ohne die Wiederaufforstung der Mangrovenbannwälder wird ein Überleben der Menschen in den Sundarbans nicht möglich sein.

Die Erfolge des Wiederaufforstungsprojektes der Karl Kübel Stiftung in Zusammenarbeit mit dem lokalen Partner Tagore Society for Rural Development beweisen, dass Mangrovenwälder aus lokalen Samen und mit lokalen Arten nur dann gute Regenerierungschancen haben, wenn die autochthone Bevölkerung in allen Schritten des Prozesses mit eingebunden wird und sich für den Schutz und Erhalt der jungen Bannwälder verantwortlich fühlt.

Dass an der Wiederaufforstung kein Weg mehr vorbeiführt, ist inzwischen auch den größten Skeptikern vor Ort klar geworden, und die Nachfrage der lokalen Bevölkerung ist seit AILA enorm. Denn überall dort, wo Mangroven den Dämmen vorgelagert sind, hielten die Dämme selbst der Jahrhundertflut stand!

Ein Mangrovenpark soll zur Aufklärung der Bevölkerung und Besucher beitragen...
Passend zur Ausrufung des internationalen Jahres der biologischen Vielfalt 2010 durch die Vereinten Nationen hat die Tagore Society for Rural Development mit Unterstützung der Karl Kübel Stiftung zu Beginn des Jahres einen Mangroven-Besucherpark auf einer kleinen Insel in den Sundarbans eröffnet.

Der Park liegt nahe einer Anlegestelle für Boote. Von den Bambusstegen, die durch den kleinen Park führen, können nicht nur die verschiedenen Mangroven besichtigt werden, Besucher haben auch einen weiten Blick über einen für die Sundarbans typischen Flusslauf und hinüber in den Naturpark. Dort finden sich, bis heute geschützt von der indischen Regierung, natürliche Mangrovenwälder - das Revier der bengalischen Tiger.

In dem Besucherpark werden alle 36 in den Sundarbans heimischen Mangrovenarten, ihre spezifischen Standortbedingungen sowie ihre vielfältigen, nachhaltigen Nutzungsarten vorgestellt. Ob als Arzneipflanze oder als Lebensspender für zahlreiche Tierarten: Mangroven sind nicht nur als Bannwälder für die Deiche schützenswert.

In den ersten Wochen nach Eröffnung des Besucherparks haben lokale Führer schon fast 400 Gäste aus Nah und Fern begrüßt und sie sowohl über die Ökologie der Mangrovenwälder als auch über die aktuellen Bedrohungen aufgeklärt.

Vom Ausbringen der Setzlinge bis zur Entstehung eines lebenskräftigen Mangrovenwaldes vergehen im Idealfall mindestens sechs bis acht Jahre. An manchen Standorten kann sich die Regeneration, bedingt durch andere Mangrovenarten, auch deutlich länger hinziehen.
Es wird für das Überleben der Menschen in den Sundarbans also entscheidend sein, dass schnell und im möglichst großen Maßstab mit Wiederaufforstungsprogrammen begonnen wird. Leider ist dies bisher aber - mit Ausnahme des hier beschriebenen Projektes - noch nicht abzusehen.


Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie

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