»Sich selbst zu verwirklichen und anderen dabei zu helfen, ist Teilnahme an der Schöpfung Gottes.« (Karl Kübel)

Der Keim der Hoffnung – Bildung für Roma im Kosovo

Roma im Kosovo
Der kleine Orhan in der Vorschule – für viele Roma-Kinder im Kosovo stellt Schulbesuch leider die Ausnahme dar
Roma im Kosovo
Die neunjährige Sphresa (rechts) bei den Hausaufgaben

Infos

Projekt-Ansprechpartnerin:  
Dr. Sigrid Maurer, Projektreferentin Kosovo
Tel: 06251/7005-40, Fax: 06251/7005-55
E-Mail: s.maurer@kkstiftung.de

Spendenkonto 50 50 000, Sparkasse Bensheim, BLZ 509 500 68, Stichwort: "Schulbildung für Roma"

Für Roma im Kosovo ist Bildung eine Chance zur Überwindung von Armut und Ausgrenzung

Der kleine Orhan sitzt mit gespannter Aufmerksamkeit im Klassenzimmer. Immer wieder nagt er am säuberlich gespitzten Buntstift und färbt dann schwungvoll die Bilder seines Malbuchs. Bei seinem Anblick wird zunächst nicht deutlich, dass seine Anwesenheit hier alles andere als selbstverständlich ist und einen kleinen Durchbruch darstellt. Denn Roma-Kinder in der Vorschule sind im Kosovo eine Seltenheit. Manche Kinder kommen kaum oder gar nicht zur Schule, besonders Mädchen. So etwa die kleine Shpresa, die mit neun Jahren nun erstmals die Schulbank drücken darf. "Schule gehen macht mir einfach Spaß", sagt sie begeistert und freut sich so sehr, nun endlich lesen und schreiben zu lernen, dass sie selbst zu Hause auf dem weichen Teppich ihre Blätter ausbreitet und stundenlang übt.

 Auch Shpresa Gashi ist Roma und lebt mit ihrer Familie in Prizren im Süden des Kosovo. Wie viele Roma trägt die Familie ein schweres Los. Der Vater ist seit Jahren arbeitslos. Früher zog er schwere Waren mit dem Karren durch die Stadt, doch wegen seiner Gesundheit kann er das nicht mehr, und eine andere Arbeit findet er keine. Die Mutter ist mit dem vierten Kind schwanger, und unlängst hat man bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Geld für eine Behandlung hat sie nicht, denn die 70 Euro Sozialhilfe im Monat reichen kaum fürs Überleben. Der jüngste Sohn mit drei Jahren spricht kaum mehr als ein paar Worte, und die mittlere Tochter ist auf einem Ohr taub. Lediglich von Shpresa, der Ältesten, gibt es Gutes zu berichten: eben dass sie nun erstmals zur Schule geht.

Roma sind besonders benachteiligt

Die Umstände der Familie Gashi stehen für die sozialen Probleme Tausender Roma-Familien im Kosovo. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Krieg hat sich für sie zwar die politische Landschaft geklärt, doch Arbeitslosigkeit, Armut und interne Spannungen sind ständige Begleiter geblieben. In dem Land, dessen Bruttosozialprodukt pro Kopf kaum fünf Prozent des bundesdeutschen erreicht und die offizielle Arbeitslosenrate bei 40 Prozent liegt, sind die Roma besonders benachteiligt. Zwar sichert ihnen die Verfassung wie allen anderen Ethnien gleiche Behandlung und Achtung der Menschenrechte zu, doch dies geschieht erst allmählich. Gerade bei den Roma zeigt sich, wie kompliziert die Situation sozialer und ethnischer Diskriminierung im Balkan sein kann. Obwohl alle Roma seit vielen Jahren sesshaft sind, haben sie schon zu jugoslawischen Zeiten nur selten den Ein- und Aufstieg in der Gesellschaft geschafft. Die meisten sind vom Bildungssystem ausgeschlossen, leben als Tagelöhner und wohnen in slumartigen Siedlungen am Rande der Städte.

Während des Konflikts von 1999 schlugen sich die serbischsprachigen Roma vornehmlich auf die Seite der Serben, während sich die Albanisch sprechenden Roma, auch Ashkali genannt, eher neutral verhielten.
Die albanische Mehrheit revanchierte sich für diese Haltung, und lange Zeit waren die Roma daher in einer vergleichbaren Lage wie die Serben, die man mit Stacheldraht und Soldaten vor Übergriffen schützen musste.

Doch es keimt auch Hoffnung auf, nicht zuletzt dank internationalen Drucks. Eine formelle Diskriminierung durch den Staat gibt es nicht mehr, wohl aber Barrieren, die die Roma kaum überwinden können: Im Schulbereich etwa sind die indirekten Kosten für Lernutensilien, Schulranzen oder adäquate Kleidung für viele Familien zu hoch. Hinzu kommen häufige Reibereien mit den albanischen Mitschülern und - seltener - offene Diskriminierung durch Lehrkräfte. Die Roma haben ihre Lage teilweise mit verursacht: Rechte der Frauen und Kinder werden gerade von ihnen wenig geachtet, und Schulbesuch gilt bei vielen Familien als Luxus. Die Schulpflicht nehmen viele Eltern gelassen, zumal sie oft nicht all ihre Kinder registrieren lassen. Damit ist ein Kreislauf von Armut und Perspektivlosigkeit vorgezeichnet.

Stiftung richtet Augenmerk auf Bildung

Die Karl Kübel Stiftung engagiert sich seit dem Jahr 2000 im Kosovo für den Aufbau von Kompetenzen zur friedlichen Konfliktlösung und Stärkung der gemeinsamen Verantwortung der verschiedenen ethnischen Gruppen für ein friedliches Miteinander. Dies geschieht bevorzugt über die Schule sowie über Kinder und Jugendliche. Die dabei gewonnenen Erfahrungen setzt die Stiftung gemeinsam mit ihren lokalen Partnerorganisationen nun auch dazu ein, um die respektvolle Integration der benachteiligten Roma-Gemeinschaft zu erreichen. Zum einen werden die Roma-Familien über ihre Rechte und Pflichten informiert und besonderes Augenmerk auf die möglichst frühe Einbindung ihrer Kinder in die Vor- und Primarschule gesetzt; dabei werden insbesondere Mädchen gefördert. Zum anderen kooperiert die Stiftung mit den Schulbehörden, um Diskriminierungen zu beseitigen und den Respekt unter den Schülern zu fördern; dabei pocht sie auf die gezielte Einbeziehung der Roma in schulische und außerschulische Maßnahmen, die ein friedliches und konstruktives Miteinander der Schüler fördern. "Toll, dass ihr es geschafft habt, so viele Roma-Kinder in die Schule zu bringen. Nun liegt es an uns, sie hier zu behalten", meint Merem Nevzati, die engagierte stellvertretende Leiterin der Primarschule Abdul Frasheri in Prizren. Voller Zuversicht fügt sie hinzu: "Wir werden uns anstrengen, das verspreche ich."
An guten Erfahrungen mangelt es nicht. Die Kinder Orhan und Shpresa sind nur einige Beispiele für die erfolgreiche Zusammenarbeit vor Ort.
Die Mitarbeiter der Karl Kübel Stiftung freuen sich besonders darüber, dass die Kooperation zwischen Roma-Organisationen, Eltern und Schulbehörden so positiv verläuft.

Frei nach dem Motto, dass eine gerechtere Zukunft auch eine bessere Zukunft für die Roma sein wird, und die Schule ein erster wesentlicher Schritt in diese Richtung ist, wird die Stiftung mit Mitteln der Bundesregierung in den kommenden Jahren an Projekten zur Förderung der Roma im Schulbereich festhalten. Um ihre Initiativen zugunsten der Roma im Kosovo auszubauen, ist die Karl Kübel Stiftung jedoch auch auf Spenden angewiesen: Spendenkonto 50 50 000, Sparkasse Benheim, BLZ 509 500 68, Stichwort: "Schulbildung für Roma"

Fakten zu den Roma im Kosovo

Die Roma stellen heute mit ca. 35.000 Einwohnern rund 1,3% der Bevölkerung des Kosovo. Sie sprechen teilweise noch Romanes und je nach Siedungsgebiet Albanisch oder Serbisch. Die Mehrheit sind Muslime, Teile bekennen sich zum orthodoxen oder katholischen Glauben. Rund 75% der Roma leben von weniger als 2 Euro am Tag, und fast 60% sind arbeitslos. Die Einschulungsrate der Roma für die Primar- und Sekundarschule liegt bei rund 60%, gegenüber 90% der anderen ethnischen Gemeinschaften. Lediglich 53% der weiblichen Roma besuchen die Schule, und mit 25% ist Analphabetenquote unter den Roma-Frauen die höchste im Kosovo.

Engagement der Karl Kübel Stiftung im Kosovo
Seit 2000 fördert die Karl Kübel Stiftung (KKS) mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Partnerorganisationen verschiedene Projekte im Kosovo. Der Fokus hat sich inzwischen von der Verarbeitung von Kriegstraumata und der Versöhnung hin zu Friedensbildung und dem respektvollen Umgang zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen verlagert. Die KKS arbeitet ausschließlich in öffentlichen Schulen. Weiterbildung der Lehrer in schülerzentriertem Unterricht und Menschenrechtserziehung sowie die Stärkung der Sozialkompetenzen und Friedensfähigkeit der Schüler zählen zu den geförderten Maßnahmen. Damit konnten insgesamt 1.270 Primarschullehrer sowie rund 25.400 Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit an 63 Standorten im Kosovo erreicht werden. Seit 2009 steht die Förderung der Schulbildung der Roma im Vordergrund. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen werden rund 1.300 Roma vom Projekt erfasst. Vor allem Roma-Kinder im Vor- und Primarschulalter, besonders Mädchen, sind die zentrale Zielgruppe, denen ein regelmäßiger Schulbesuch und ein regulärer Schulabschluss eine bessere Zukunft sichern soll.


Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie

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