Mikrofinanz-Projekte bewirken weit mehr als nur Zugang zu fairen Krediten: Anlässlich der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls hat die Karl Kübel Stiftung Friedensnobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus zum Austausch in Berlin getroffen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung, zu der der Bundesverband Deutscher Stiftungen geladen hatte, stand das von Yunus entwickelte und in Bangladesch weit verbreitete Mikrofinanz-Modell der von ihm gegründeten Grameen Bank. Mit dem Modell ist Millionen von Frauen auf Basis eigener Ersparnisse der Zugang zu fairen Krediten ermöglicht worden. Mit großem Erfolg praktiziert die Karl Kübel Stiftung diesen Ansatz als konzeptionelle Basis in ihren Entwicklungsprojekten in Indien und den Philippinen.
Kleinkredite schaffen Arbeit und Einkommen ...
15 bis 20 Frauen organisieren sich dabei in Gruppen und werden zunächst zur Ansparung von kleinen, regelmäßigen Spareinlagen motiviert. Darüber wird ein Grundstock an Kapital geschaffen, der als Kredit an einzelne Gruppenmitglieder vergeben wird. Mit ihm werden kleine Unternehmungen finanziert: Zum Beispiel wird Kleinvieh gekauft, ein kleiner Laden ausgestattet oder Obst und Gemüse angekauft, das anschließend weiterverkauft wird. So können sich Frauen, die bislang aufgrund von Armut und Analphabetismus keinen Zugang zu Krediten und Banken hatten, erstmals Geld zu fairen Konditionen beschaffen. Bislang gab es für sie nur den Weg zum privaten Geldverleiher mit der Gefahr, sich durch die erhobenen Wucherzinsen dauerhaft zu verschulden.... und bewirken soziale Veränderungen
Zum Erfolg der Mikrofinanz-Projekte trägt aber auch wesentlich die Tatsache bei, dass sich Frauengruppen nicht nur auf das Thema Sparen und Kredit konzentrieren; die Gruppen bieten den Frauen erstmals ein Forum, in dem sie sich über familiäre und gesundheitliche Probleme austauschen können. Durch gezielte Bildungsarbeit werden Frauen ermutigt, sich in der Familie und in der Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Das Modell funktioniert: Aus den Gruppen sind mittlerweile etliche Selbsthilfe-Initiativen hervorgegangen. Von den fachlich begleiteten und geschulten Frauen geht oft eine hohe Dynamik aus; dies zeigen ihre Erfolge bei der Abschaffung von Kinderarbeit und Kinderheirat, bei der Reduzierung von Gewalt und Alkoholismus in der Familie und die zunehmenden Zahl von Bewerberinnen für politische Ämter.Erfolg birgt auch Risiken
Neben dem Austausch über den Erfolg diskutierten die Teilnehmer über aktuelle Risiken für den Spar- und Kreditansatz. Ralf Tepel vom Vorstand der Karl Kübel Stiftung machte auf Gefahren aufmerksam, die entstehen, weil viele Banken und Versicherungen die mittlerweile gut organisierten Frauengruppen als Markt für ihre Produkte, Kredite und Versicherungen, entdeckt haben. Es bestehe die Gefahr, dass sich Frauen durch die zahlreichen Kreditangebote, die ihnen mittlerweile von Banken angeboten werden, unkontrolliert überschulden. Yunus teilte diese Ansicht und machte deutlich, dass hier die Verantwortung des Bankensektors gefordert sei.„Social Businesses" statt profitorientierter Geldanlagen
Insgesamt plädierte der Wirtschaftswissenschaftler für die Förderung so genannter "Social Businesses" - Geschäftsmodelle, die einzig die Beseitigung von Missständen durch kommerzielle, aber nicht profitorientierte Angebote im Blick haben. Ein Beispiel dafür ist das kostengünstige Angebot nährstoffreicher hochwertiger Nahrungsmittel, die zur Beseitigung von Unter- und Mangelernährung beitragen sollen.








