Bessere Global Governance und mehr Ethik in der Wirtschaft - Professor Franz Josef Radermacher stellt Auswege aus der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise vor
Heppenheim. Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, zugleich Lehrstuhlinhaber für Datenbanken und künstliche Intelligenz an der Universität Ulm und Mitglied des weltweit geachteten Club of Rome, hat bei einem Vortrag am Dienstagabend im Stiftungshaus der Sparkassenstiftung Starkenburg in Heppenheim seine Überlegungen zu den Ursachen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise vorgestellt und Lösungen vorgeschlagen. Der Vortrag fand im Rahmen der Reihe "Weiter denken ..." statt, den die Karl Kübel Stiftung initiiert hat, um der Öffentlichkeit spannende Zukunftsthemen informativ und anschaulich zu vermitteln. Mit zu der Veranstaltung hatten die Sparkassenstiftung Starkenburg und die GGEW AG eingeladen.
Franz Josef Radermacher ist nicht nur ein viel beschäftigter Wissenschaftler, sondern auch ein gefragter Politikberater; er arbeitet in hochkarätigen Organisationen wie dem Ökosozialen Forum Europa, war lange Zeit Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft, ist Träger zahlreicher nationaler und internationaler Auszeichnungen; er gilt als einer der Väter der Initiative für einen 'Weltweiten Marshallplan' und berät die Bundesregierung in Fragen der nachhaltigen Weltwirtschaft.
Angesichts des hochaktuellen Themas und des hochkarätigen Referenten war das Stiftungshaus mit interessiertem Publikum voll besetzt, und so konnte sich der Vorstand der Sparkassenstiftung Hans Adler freuen, rund 200 Gäste zu begrüßen. Den thematischen Bogen zur Karl Kübel Stiftung spannte deren Stiftungsvorstand Ralf Tepel, in dem er eingangs hervorhob, dass der Unternehmer und Stifter Karl Kübel bereits vor Jahrzehnten aktuelle Herausforderungen für die Menschheit in ihrer globalen Dimension erkannt habe. Unter anderem habe Kübel, an dessen einhundertsten Geburtstag am 6. September dieses Jahres gedacht wird, mit beeindruckender Weitsicht bereits in den 1960er Jahren vor globalen Entwicklungsrisiken gewarnt, denen die Menschheit heute gegenüberstehe. Tepel fügte hinzu: "Wachstum, speziell der Wirtschaft, muss im Kern für die Menschheit und unseren Globus nachhaltig sein, Balance herstellen und allen, insbesondere den Kindern, die Aussicht auf Entfaltung all ihrer Potenziale bieten, für die die Karl Kübel Stiftung sich mit ihrer Arbeit einsetzt."
Ursachen und Hintergründe der Krise
In seinem Vortrag skizzierte Professor Radermacher zunächst die Ursachen und Hintergründe der gegenwärtigen Krise der Weltwirtschaft. Im Gegensatz zu nüchtern-langweiligen oder theoretisch-unverständlichen Erklärungen, mit denen die Öffentlichkeit seit knapp einem Jahr konfrontiert wird, gelingt es dem Universalgelehrten, das Publikum durch eine äußerst lebendige, bildreiche und verständliche Darstellung in den Bann zu ziehen. Er bietet Hintergrundinformationen und stellt Zusammenhänge her, die in tagesaktuellen Berichten kaum zu finden sind.
Am Anfang seiner Beschreibung des Weges in die Krise stehen der Boom und die Euphorie nach dem Ende des Kalten Krieges. Damit war der Damm für eine ungebremste Dynamik der Marktwirtschaft gebrochen, die von einem blinden Gewinnstreben und der Ausplünderung des Ökosystems und ganzer Bevölkerungsgruppen begleitet war. "Operieren zu Lasten der Zukunft und zukünftiger Generationen erlaubte im heute und jetzt 'Bonanza'-artige Verhältnisse. Von diesen Verhältnissen haben viele profitiert, manchmal in exorbitanter Weise: Fachleute in der reichen Welt, Arbeiter in den Schwellenländern und dann Berater und Investmentbanker, Politiker, Manager, junge Kreative, Macher", so Radermacher. Dann: die Krise; wenn sich jetzt nichts tue, so machte er auf provokant-ironische Weise klar, würde "das, was kommt heftiger als das, was wir hinter uns haben."
Aber, wie konnte es dazu kommen? Radermacher nennt historische Gründe, wie den Zusammenbruch der Sozialismus, in dessen Folge fast die Hälfte der Menschheit zu hohen Kosten in ein anderes ökonomisches System transferiert werden musste. Aber auch Modifikationen des Geld- und Bankensystems sind maßgebliche Ursache für die Krise. Das aktuelle System, für ihn der "Blutkreislauf der Ökonomie", sei im Kern sinnvoll und habe den relativen Wohlstand der letzten Jahrzehnte erst ermöglicht. Aufgrund fehlender Reglementierungen insbesondere im Wertschöpfungs- und Kreditsystem der Banken sei es aber zuletzt zu gigantischen Umverteilungen und zur Krise gekommen.
Was funktioniert nicht?
Gesellschaften mit zu vielen Ungleichheiten funktionierten nicht, sie seien immer arm, so Radermacher. Diese Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gehen auf die Bedeutung von Eigentum für den Menschen zurück und sind Folge von Konkurrenz und historischen Entwicklungen.
Grundlegend für die Lösung des Problems seien laut Radermacher Gerechtigkeit und Balance, eine Welt, in der für alle Menschen eine gewisse Chance zum Zugang zu Ressourcen besteht: Eine Ausbildung auf dem Niveau der Zeit sowie eine ordentliche Ernährung und Gesundheit für alle Mitglieder der Gesellschaft müssen gegeben sein. Jeder müsse die Möglichkeit haben, sich individuell entwickeln zu können; die Menschen müssten kooperieren, sich untereinander organisieren. Die Balance zwischen Wettbewerb und Regulierung sei die aktuelle Herausforderung und Voraussetzung für die Entstehung von Wohlstand, erklärte Radermacher. Wohlstand sei heutzutage nicht mehr national definiert; die Finanzelite sei global orientiert und weltweit aktiv. Es bedürfe neuer, klarer Regeln und Strukturen, die weltweit funktionieren - so wie es einzig in der EU zum Teil realisiert würde.
Ganz zentral ist für Radermacher, dass die extremen Verschuldungen der Staaten abgebaut werden. Nach seiner Prognose müssen die USA in 25 Jahren 100 Prozent ihrer Staatseinnahmen für die Bezahlung ihrer Schulden aufbringen, wenn die derzeitige Entwicklung so weitergehe. Geld für öffentliche Ausgaben wäre dann nicht mehr vorhanden. In Deutschland würde das noch früher der Fall sein.
Wie kann es funktionieren?
Einen Ausweg sieht Professor Radermacher in dem von ihm verfochtenen weltweiten Ökosozialen Modell; Voraussetzung dafür wäre ein Weltvertrag zwischen Christen und Muslimen. Zu den Lehren, die aus der Krise gezogen werden müssten, gehörten nach Ansicht des Wissenschaftlers die adäquate Besteuerung aller Wertschöpfungsprozesse auf dem Globus inklusive der Trockenlegung der diversen Steueroasen für eine 'friedliche, sanfte' Entschuldung sowie die Annäherung an eine Weltmarktdemokratie, wie sie in Ansätzen bereits durch die G20 vorhanden ist. Weltweite Kooperationen seien von Nöten, betonte Radermacher noch einmal, denn: "Die Lage ist nicht hoffnungslos, aber schwierig."









