Ein Beitrag von Jörg Schmidt, Mitglied des Stiftungsvorstands
Ich konnte vom ersten Moment an seine Präsenz spüren
Ich begann 2001 in der Karl Kübel Stiftung, also zu einer Zeit, als sich Herr Kübel bereits aus dem aktiven Arbeiten in der Stiftung zurückgezogen hatte. Trotzdem konnte ich vom ersten Moment an seine Präsenz spüren - was nicht an seinem großen Portraitgemälde am Treppenaufgang in der Stiftung lag, an dem ich auf dem Weg in mein Büro jedes Mal vorbei komme.
Noch sehr bewusst in Erinnerung: seine unheimlich wachen Augen
Natürlich war er interessiert, wer denn für die wichtige Funktion des Vermögensverwalters der Stiftung eingestellt worden war, so dass es nicht sehr lange dauerte, bis ich Herrn Kübel zum ersten Mal im Odenwald-Institut auf der Tromm traf. Es war kein klassischer Antrittsbesuch, bei dem man das Gefühl hat geprüft zu werden, sondern die Begegnung fand in einem größeren Rahmen statt. Trotzdem kann ich mich erinnern, eine 'gewisse Nervosität' vor diesem ersten Treffen verspürt zu haben, denn schließlich tritt man nicht aller Tage einer Persönlichkeit gegenüber, die so viel in Ihrem Leben geschafft hat. Was mir von diesem Tag noch sehr bewusst in Erinnerung ist, sind seine unheimlich wachen Augen, die im Gegensatz zu seinem Körper nicht die eines über 90Jährigen zu sein schienen. Viel zu wach und mit einem schelmischen Lächeln versehen, schienen sie mir, und das hat sich auch bei allen folgenden Treffen bestätigt.
Kinder im Lebensalter bis drei Jahre im Mittelpunkt
Es war wohl diese Wachsamkeit, die ihn nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Stifter Maßstäbe setzen ließ, und seinen großen Teil zu einer lebenswerten Welt hat beitragen lassen. Noch immer fasziniert mich sein Weitblick, unter anderem für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die er bereits zu einer Zeit wahrgenommen hat, als sich keiner mit dieser Thematik ernsthaft auseinander gesetzt hat. Dokumentiert ist dies zum Beispiel in der Präambel der Stiftung seit 1972 mit folgender Formulierung: "... Es (das Kind) braucht dann in besonderer Weise Nahrung von außen für seine leiblich-seelisch-geistige Entwicklung, zunächst von Mutter und Vater. Nach drei Jahren kann das Kind sprechen, seinen Willen deutlich machen und kann Ziele erreichen. Es hat starkes Vertrauen zur Mutter und zum Vater gebildet." Heute sind sich alle Forscher der Welt im Klaren darüber, dass die kindliche Entwicklungsphase in den ersten drei Lebensjahren von entscheidender Bedeutung sind, doch damals war dies keinesfalls allgemein bekannt. Und genau darum stellt seine Karl Kübel Stiftung Kinder im Lebensalter bis drei Jahre in den Mittelpunkt ihres Wirkens.









Kommentare
Kobelt Neuhaus aus Frankfurt schrieb am 29.06.2009 - 16:48 Uhr
Lieber Herr Schmidt, so ähnlich geht es mir auch wie Ihnen. Ich finde es unglaublich faszinierend, dass zu einer Zeit, in welcher in der Schweiz gerade mal die Jugend revoltierte und die Studenten ein politisches Bewusstsein entwickelten, Karl Kübel schon verstand, dass die frühe Kindheit und die sichere Basis in der ersten Zeit des Lebens ein ganzes Menschenleben tragen. Gleichzeitig fühle ich in der Nachfolge von Karl Kübel aber auch eine gewaltige Verantwortung, der wir uns gemeinsam zu stellen haben, wenn es darum geht, dieses inzwischen wissenschaftlich und politisch gesicherte Verständnis von Bindung als Grundlage für Bildung und Kompetenz in der Arbeit immer wieder sichtbar zu machen. Die Gesellschaft von heute ist nicht die Gesellschaft von damals. Wir haben neue Aufgaben dazu bekommen angesichts der vielen Eltern, die alleine mit Kindern leben oder die sich weder beruflich noch finanziell selber sicher fühlen. Wenn Eltern aber selber unsicher sind, können sie schwerlich eine sichere Basis für Kinder sein.
Es gibt noch viel zu tun. Ihnen wünsche ich, dass Sie mit großen Schritten in den Fußstapfen eines solchen Mannes wie Karl Kübel, den ich leider selber nie kennen lernen durfte, bleiben, entsprechend den neuen Herausforderungen immer auch neue Schritte dazu setzend.
Alles Gute wünscht Ihnen Daniela Kobelt Neuhaus