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»Es geht darum, die Existenznot der Menschen überwinden zu helfen, ihre Selbsthilfekräfte zu stärken und sie somit in die Lage zu versetzen, ihre Kinder zu ernähren und zu ihrer geistig-seelischen Entwicklung beizutragen.« (Karl Kübel)

Erinnerungen an Karl Kübel: Die Vision eines Ruhrgebiets am Hindukusch

Karl Kübel, Porträt 1996

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Ein Beitrag von Walter Kiefer

Sieben Jahre lang - von 1966 bis 1973 - stand ich als Vorstand der ursprünglichen "Kübel-Stiftung für Hilfe zur Selbsthilfe" mit Karl Kübel in engem Kontakt, davon die beiden ersten Jahre 1966 und 1967 Zimmer an Zimmer mit ihm, mit einer gemeinsamen Sekretärin und mit dem damaligen Justiziar der Firma, Adolf Körbel, in einer kleinen Villa in der Darmstädter Straße; scherzhaft wurden wir gelegentlich die "neuen 3K" genannt. In einer so engen Tuchfühlung lernt man die wesentlichen Charakterzüge eines Menschen kennen, bei Karl Kübel auch seine in der Biographie dargestellte "spontane Begeisterungsfähigkeit" für Ideen und Menschen.

Unvergesslich ist mir dabei ein Vorgang von Kübels "spontaner Begeisterungsfähigkeit" aus  unserer gemeinsamen Afghanistan-Reise im Herbst 1967. Auf unserer Rundreise durch die an Pakistan grenzende Provinz Paktia, die heute oft als Zentrum der Taliban in den Medien genannt wird, war Karl Kübel unglaublich beeindruckt: von der Primitivität der dörflichen Siedlungen, aber auch den archaisch, geradezu biblisch anmutenden Figuren, die uns dort begegneten, von der großartigen Gastfreundschaft und den hohen Erwartungen unserer afghanischen Partner, von der grandiosen in ihrer Brutalität geradezu faszinierend anmutenden Berg- und Felsenlandschaft.

"Umso entsetzter war ich ..."

Am letzten Abend unserer Reise in die Provinz saßen Kübel, die mit uns reisende Frau Charlotte Tangerding und ich sowie der Präsident der "Paktia Development Authority" Sadar Khan mit seinem Assistenten Dr. Lakanwal und einem Dolmetscher bei Sonnenuntergang auf einem Steinhaufen an einem Berghang mit weitem Blick in eine unbewohnte Landschaft; zum wiederholten Mal versuchten unsere afghanischen Gesprächspartner, uns für ihre irrealen Vorstellungen über eine von uns finanzierte Förderung großer industrieller Entwicklungsvorhaben zu gewinnen; ich hatte solche mit unseren Möglichkeiten und der afghanischen Realität völlig unvereinbaren Vorstellungen in den Vorgesprächen immer weit von uns gewiesen.

Umso entsetzter war ich, als Kübel plötzlich aufstand, enthusiasmiert in die Landschaft zeigte und sagte: "Ich sehe hier aus unserer Zusammenarbeit ein afghanisches Ruhrgebiet entstehen." Die Umgangsformen unseres Gastlandes verboten mir, in Gegenwart unserer Gastgeber zu widersprechen; aber ich war überzeugt, dass der spontane Ausruf von Kübel bei unseren afghanischen Begleitern Erwartungen in einer finanziellen Größenordnung wecken musste, deren Unerfüllbarkeit unsere Zusammenarbeit auf Jahre erschweren musste.

"In meiner Not klopfte ich an das Zimmer von Frau Tangerding ..."

Auf der Rückfahrt nach Kabul versuchte ich vergebens, Kübel das aus seinem Ausruf nach meiner Erfahrung für die Stiftung erwachsende Problem verständlich zu machen. Auch ein Versuch, bei einem Dreiergespräch Kübel - Tangerding - Kiefer nach der späten Ankunft in Kabul Kübel zu   überzeugen, dass er bei dem für den folgenden Tag geplanten Abschlussgespräch die bescheidene Größenordnung unseres möglichen Engagements deutlich machen müsse, überzeugte Kübel nicht; seine Antwort: "Dann müssen wir eben die Bundesregierung zu großzügigen Maßnahmen bewegen."

Um 23 Uhr klopfte ich in meiner Not an das Zimmer von Frau Tangerding, von der ich den Eindruck hatte, dass sie mein Problem verstanden hatte, und sagte ihr: "Wenn Herr Kübel auf jemand hört, dann sind Sie dies; bitte sprechen Sie noch einmal mit Herrn Kübel." Sie versprach mir, Kübel am Abend noch einmal aufzusuchen.

Elegant die Kurve genommen

Beim Abschlussgespräch am folgenden Morgen glaubte ich meinen Ohren nicht trauen zu können: Eindringlich machte Kübel den afghanischen Gesprächspartnern deutlich, dass unsere Hilfe nur ein bescheidener Anstoß für eine handwerkliche und kleingewerbliche Entwicklung sein könne - dass aber auch das deutsche Ruhrgebiet einmal aus einer so bescheidenen Grundlage entstanden sei und dass es den tüchtigen Afghanen in der Zukunft sicher gelingen werde, eines Tages aus eigener Kraft daraus ebenfalls ein afghanisches Ruhrgebiet zu entwickeln! Kübels spontane Begeisterung war seiner Großzügigkeit entsprungen, aber sie war für unsere Absichten kontraproduktiv; die "Kurve", mit der er aber schließlich wieder zur Realität zurückfand, nahm er geradezu elegant.

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