"Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert"
Mitglied des Club of Rome stellt in Bensheim zum Weltbevölkerungstag neue Thesen zur zukunftsfähigen Gestaltung der Globalisierung vor / Weltweiter Marshallplan als einzig wirksames Mittel vor Ausbeutung von Mensch und Umwelt
Bensheim. Professor Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstitutes für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm und Mitglied des Club of Rome, hat auf einer Vortragsveranstaltung am Donnerstag im Kundenzentrum der Sparkasse Bensheim seine aktuellen Thesen zu einer nachhaltigen Gestaltung der Globalisierung und Zukunftsfähigkeit des Planeten vorgestellt. Den Anlass für den Vortrag, der Teil der Veranstaltungsreihe "Weiter denken...!" der Karl Kübel Stiftung ist, bildete der internationale Weltbevölkerungstag am 11. Juli 2008.
Franz Josef Radermacher ist neben seiner wissenschaftlichen Arbeit Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa, Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft, Berater der Bundesregierung und der Landesregierung von Baden-Württemberg, Träger zahlreicher nationaler und internationaler Auszeichnungen und nicht zuletzt einer der geistigen Väter der 'Global Marshall Plan'-Initiative. Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse, Otto Gebhardt, Peter Müller als Vertreter der ebenfalls an dem Abend beteiligten GGEW sowie Ralf Tepel vom Vorstand der Karl Kübel Stiftung haben den Redner vor einem Publikum von rund 150 Personen begrüßt.
In seiner Einführung wies Stiftungsvorstand Tepel darauf hin, dass der Unternehmer und Stifter Karl Kübel bereits vor Jahrzehnten aktuelle Herausforderungen für die Menschheit in ihrer globalen Dimension erkannt hat. Damit habe Kübel, dessen einhundertster Geburtstag 2009 bevorsteht, mit viel Weitblick heutige Diskussionen vorweggenommen. Auch mit dem Thema globaler Entwicklungsrisiken habe er sich bereits seit den 60er Jahren intensiv beschäftigt. Tepel verdeutlichte dies mit einem Zitat Karl Kübels aus dem Jahr 1992: "In den letzten 300 Jahren hat die industrielle Revolution vermocht, die Lebensbasis für Milliarden Menschen zu schaffen, und nun steht die Menschheit am Rande des Abgrunds, weil das Wachstum in Blindheit geschieht. Wir müssen lernen, im Wachsen fruchtbar zu werden." Tepel fügte hinzu: "Wachstum, speziell wirtschaftliches Wachstum darf nicht zerstörerisch wirken, sondern muss im Kern für die Menschheit und unseren den Globus nachhaltig sein, Balance herstellen und allen, insbesondere den Kindern, die Aussicht auf Entfaltung all ihrer Potenziale bieten, für die die Karl Kübel Stiftung sich in ihrer Arbeit einsetzt."
Zukunft der Menschheit derzeit alles andere als gesichert
Bevor Professor Radermacher diesen Gedanken aufgriff, hat er zunächst die Rolle der gastgebenden Sparkasse im Finanzsystem gewürdigt: Das Regionalprinzip und die Orientierung der Sparkassen hin auf den Mittelstand leisteten einen wichtigen Beitrag, um Wirtschaft und Gesellschaft zu stabilisieren. Die sei mehr denn je notwendig, denn die Welt stehe vor großen Herausforderungen: "Spätestens seit der Weltkonferenz von Rio 1992 gilt es, eine nachhaltige Entwicklung bewusst zu gestalten. Das bedeutet insbesondere eine große Designaufgabe bezüglich der Wirtschaft - das Wachstum muss nachhaltig gestaltet, die weltweiten Unterschiede zwischen Arm und Reich müssen abgebaut und die ökologischen Systeme erhalten werden", so der Wissenschaftler. Dies sei nur möglich, wenn sich die Staaten auf eine Weltinnenpolitik verständigten. Die Chancen, dieses Ziel zu erreichen, seien derzeit jedoch alles andere als gut, lautet Radermachers Befund. Vereinfacht ausgedrückt sieht er drei mögliche 'Zukünfte': eine gute, wenn die Weltgemeinschaft sich zu einer gemeinsamen Politik der Balance zusammenfindet, oder zwei schlechte Szenarien - entweder ein allgemeiner Kollaps von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft oder ein weiteres Auseinanderdriften von Arm und Reich mit Terror und Bürgerkrieg.
"Die Wahrscheinlichkeit, dass ein weltweiter Ausgleich erreicht und damit das langfristige Überleben gesichert werden, liegen derzeit bei rund 35 Prozent", glaubt Radermacher.
Zu viele Menschen in zu kurzer Zeit
Eine Hauptursache für die bedrohliche Entwicklung liege in der Bevölkerungsexplosion - die Prognose lautet auf 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 - und die ungezügelte wirtschaftliche Globalisierung, auf die die nach wie vor dominierende nationalstaatliche Politik nicht wirksam reagieren könne. Der soziale Ausgleich, die Balance zwischen den Kulturen und die globale ökologische Stabilität gingen verloren. Immer mehr Menschen empfänden sich als Verlierer dieser Entwicklung. Ressourcenverschwendung und Umweltbelastungen böten immer größeres Konfliktpotenzial, könnten zu einer Frage von Krieg und Frieden werden.
Radermacher skizzierte Tendenzen, die sich bereits heute zeigen und spürbar sind: Trotz massiver Steigerung der Nahrungsmittelproduktion treten gewaltige Preissteigerungen und Engpässe bei der Ernährung der Weltbevölkerung auf. Hinzu komme, dass um 2015 der Höhepunkt der Ölproduktion zu erwarten sei; gleichzeitig bewege sich die Welt weiter auf die Klimakatastrophe zu: "Den Anstieg der jährlichen Durchschnittstemperatur um zwei Grad Celsius müssen wir unbedingt vermeiden, denn sonst droht uns alleine schon der klimatische Kollaps."
Wirtschaft braucht weltweit verbindliche und faire Regeln
Eines der Hauptprobleme sei die Entfesselung des Finanzsektors: "Geld vagabundiert unkontrolliert um den Globus, sucht nach immer höheren Renditen, setzt Regierungen unter Druck und entsteht fast aus dem Nichts", sagt Radermacher. Kleine Gruppen von Investoren und Unternehmen vermieden Steuerzahlungen und nutzten Steueroasen und Gesetzeslücken schonungslos aus, um größtmögliche Renditen zu erzielen. Bekannte Folgen seien die Verlagerung von Arbeitsplätzen an Billiglohnstandorte und der Rückbau des Sozialstaats; der Mittelstand, der sich weder Preissteigerungen noch der Besteuerung entziehen könne, werde regelrecht ausgebeutet. Diese derzeit vorherrschende radikale Marktwirtschaft - Radermacher spricht vom "Marktfundamentalismus" - führe zu hohen Gewinnen bei wenigen zu Lasten hoher Verluste bei vielen. Am Ende könne eine 'Brasilianisierung' der Welt stehen, bei der eine Elite von fünf Prozent Geld, Macht und Ressourcen kontrolliert und der Rest der Bevölkerung in Armut und Abhängigkeit lebt. "Wenn die heutige Entwicklung anhält, wird sich dieses Modell leider am ehesten durchsetzen", lautet Radermachers Befund.
Globaler Marshallplan - das Überlebensmodell
Der Wissenschaftler wäre nicht Mitglied des Club of Rome, wenn er sich auf düstere Prognosen beschränkt. Als Königsweg aus der immer mehr um sich greifenden Krise schlagen er und seine Mitstreiter die Umsetzung eines der Globalen Marshallplans vor, der im Kern eine ökosoziale Marktwirtschaft beinhaltet. Dieses Modell setzt auf moderates Wachstum, Gewinnorientierung bei gleichzeitigem sozialem Ausgleich, nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen, Schonung der Umwelt und auf eine kultur- und religionsübergreifende, gemeinsame Ethik der Verantwortung. Die Staaten müssten im Sinne der Menschheit und der Umwelt umfassend kooperieren, vermeintliche Eigeninteressen zurückstellen und sich zu einer Weltinnenpolitik zusammenfinden. Der Ruf nach dem Staat reiche jedoch nicht aus; die Unternehmen und Gesamtgesellschaften müssten sich dem neuen Prozess stellen und ihn mitgestalten. Die Menschen müssten sich aktiv beteiligen; um in der Lage zu sein, diese weltweiten Zusammenhänge zu erfassen und die Folgen ihres heutigen Alltagstrotts und begrenzten Sichtweisen absehen zu können, müssten sie weltweit ungehinderten Zugang zu Bildungs- und Ausbildungsangeboten erhalten. "Allen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen ist das mindeste, was wir durchsetzen müssen", fordert Radermacher, "uns das ist zu relativ geringen Kosten möglich."
Karl Kübel Stiftung auf dem richtigen Weg
Gemeinnützigen Organisationen wie der Karl Kübel Stiftung, die sich mit zukunftsorientierten Projekten für mehr Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen, komme eine bedeutende Rolle bei der Verwirklichung des Globalen Marshallplans zu. Projekte der 'Hilfe zur Selbsthilfe' mit Bildungsangeboten in Ländern der so genannten Dritten Welt sind der richtige Weg: Dadurch werden die Menschen in die Lage versetzt, Potenziale zu entfalten, Einkommen zu erwirtschaften und an den weltweiten Verteilungsprozessen aktiv teilzunehmen, sie werden ein Faktor in der Weltwirtschaft und können faire Regeln einfordern. In diesem Zusammenhang lobte Radermacher insbesondere das Instrument der Kleinkredite, das der Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus weltweit zum Erfolg geführt hat: "Das ethische Problem besteht darin, dafür zu sorgen, dass überall auf der Welt Kaufkraft besteht. Dazu tragen Kleinkredite bei; sie helfen, Existenzen aufzubauen und haben die meisten Familien auf dem Globus aus der Armut herausgeführt." Frauen stehen dabei im Mittelpunkt, als verantwortungsbewusste Kreditnehmerinnen, erfolgreiche Kleinstunternehmerinnen und auf das Wohl ihrer Kinder und Familie bedachte Mütter - ein Ansatz, der auch in den Kleinkreditprogrammen der Karl Kübel Stiftung in Indien erfolgreich verwirklicht wird.
Der Globale Marshallplan, der laut Radermacher immer mehr Anhänger unter Staats- und Regierungschefs wie Angela Merkel, Gordon Brown in Großbritannien und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barrosso findet, umfasst fünf Kernziele: Die rasche Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen - im Mittelpunkt steht dabei die Halbierung der Zahl der Armen bis zum Jahr 2015 -, die Investition von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Entwicklungszusammenarbeit, die Einführung von Abgaben auf globale Finanztransaktionen und den Verbrauch von Ressourcen. Ganz entscheidend sei es, einen fairen Vertrag der Weltwirtschaft abzuschließen. "Darunter verstehen wir keine naive wirtschaftliche Freiheit, sondern eine Freiheit unter den Bedingungen der Balance", sagte Radermacher. Dies müsse flankiert werden von einer fairen partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf allen Ebenen mit Bekämpfung von Korruption und der Förderung demokratischer, transparenter Abläufe. "Mit dem Global Marshall Plan liegt ein Konzept vor, wie eine Zukunft in Balance erreicht werden kann. Es gibt Hoffnung, aber der von uns liegende Weg ist noch lang", lautet das Fazit Radermachers.








