Der Schlüssel zum Erfolg bei einem indischen Entwicklungsprojekt: Watershed Management gepaart mit starken Frauenselbsthilfegruppen
Ein aktueller Bericht über den Stand eines Entwicklungsprojekts in Indien von Ralf Tepel, Karl Kübel Stiftung
Rengra am frühen Morgen: Die kleine Missionsstation der Jesuiten von Jamshedpur, mitten im Niemandsland des Tonto Block im Südwesten des indischen Bundesstaates Jharkand, erwacht zum Leben. Jeder Pater, der hier seinen Dienst ableistet, muss sich fragen, warum er in diese abgelegene Station versetzt wurde. Auch heute noch kommt es vor, dass sich staatliche Bedienstete weigern, die etwa vierstündige Fahrt von Chaibasa hinauf in den Tonto Block auf sich zu nehmen. Alte Geschichten über die hier lebende Stammesgemeinschaft der Ho, Angriffe von Wildtieren etc. schwirren immer noch durch die Köpfe.
Es ist ruhig geworden in Rengra. Nur die Hunde und Hühner stören den morgendlichen Frieden. Noch vor wenigen Jahren beherrschte die markante Geräuschkulisse einschlagender Äxte und das Knirschen umstürzender Baumriesen den Tagesbeginn.
Für den Erhalt der Wälder
Seit Anfang 2004 fördert Geo schützt den Regenwald zusammen mit der Karl Kübel Stiftung und finanziell unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein Entwicklungsprojekt, das dem Erhalt der bereits stark dezimierten Wälder und damit der Lebensgrundlagen der dort lebenden Stammesgemeinschaft der Ho dient. Viel hat sich seitdem in den Gemeinden des Tonto Block im nordostindischen Jharkhand getan.
"Wasser für die Ho!", so betitelte Geo in seiner Dezemberausgabe Ende 2005 den Artikel über das Projekt, und in der Tat haben sich durch so genannte Watershed Management Maßnahmen Qualität und Quantität der lebenswichtigen Wasserressourcen in drei ausgewählten Gemeinden im Tonto Block drastisch verbessert.
Ein ausgeklügeltes System von verschiedenen ineinander greifenden Maßnahmen zur Reduktion des oberflächlichen Wasserabflusses trägt dazu bei, dass sich der oberflächliche Wasserabfluss reduziert: Versickerungsbecken und hangparallele Dämme in den oberen Bereichen der Wassereinzugsgebiete, gefolgt von Steindämmen (Gabionen) in den Abflussrinnen, Feldeinebnung und der Bau von Felddämmen bis hin zu größeren Staubecken, hier "tank" genannt. Wasser sickert langsam in den Grundwasserspiegel ein und Bodenerosion wird vermindert. Dadurch erhöht und stabilisiert sich der Grundwasserspiegel, die Bodenfeuchte nimmt insgesamt zu. Das ist letztlich der Schlüssel zum Erfolg. Bessere und längere Verfügbarkeit von Oberflächen- und Grundwasser sind die Basis für eine nachhaltige Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen. Hinzu kommen parallel Wiederaufforstung, landwirtschaftliche Beratung und Schulung sowie die Einführung standortangepasster Anbauprodukte und umweltschonende Anbauverfahren wie die Einführung von bislang hier unbekannten Kompostierungsverfahren.
Fischzucht und Landwirtschaft
Insgesamt konnten über die vergangenen Jahre 454 Hektar bislang ungenutztes Brachland in fruchtbares Ackerland umgewandelt werden. 83 Wasserspeicher unterschiedlicher Größe tragen dazu bei, dass die Niederschläge nicht schnell und ungenutzt oberflächlich abfließen, sondern gespeichert werden bzw. langsam in die Grundwasserhorizonte absickern. Neben der Funktion als Wasserspeicher werden die größeren Staubecken auch für die Fischzucht genutzt. Die örtlichen Nutzergemeinschaften, die für die Pflege und Instandhaltung der Anlagen gegründet wurden, haben nach der letzten Regenzeit Jungfische eingesetzt, die nun über etwa neun Monate heranwachsen und dann ein Gewicht von 800 bis 1000 Gramm erreicht haben werden. Vor dem Trockenfallen der Teiche werden sie gefangen und auf lokalen Märkten verkauft.
72 Hektar konnten zudem neu bewässert und intensiv durch den Anbau von Reis und Gemüsesorten genutzt werden. Damit sind die Nahrungsmittelsicherheit und -vielfalt deutlich gestiegen. Auf 105 Hektar wurden Aufforstungsflächen angelegt. Die Familien stellten dafür abgeholzte Brachflächen zur Verfügung. Wegen der Einführung von Kompostierungstechniken werden 67 Hektar völlig ohne künstliche Düngemittel oder Schädlingsbekämpfungsmittel kultiviert. Die Erträge pro Hektar sind teilweise um bis zu 50 Prozent gestiegen. Die Ho sind stolz darauf. Auf den umliegenden Märkten wird die Qualität der Produkte geschätzt. Tomaten, Chillies, Auberginen und verschiedene Kohlsorten werden mittlerweile angebaut. Diese sind einerseits wichtig für die Ernährung der Menschen in Tonto, andererseits sind sie gewinnbringende Marktfrüchte.
Saisonale Migration stark reduziert
Um den Folgen der in der Vergangenheit praktizierten Abholzung zu begegnen, wurden 20 Hektar abgeholzter Hangflächen mit Sabbai-Gras bepflanzt. Dieses Gras, das - einmal gepflanzt - nicht nur die Bodenerosion verhindert sondern einen wichtigen Rohstoff für das lokale Handwerk liefert, ist eine wichtige Einkommensquelle der Ho. Das geschnittene Gras wird getrocknet und dann als geflochtenes Bündel auf lokalen Märkten verkauft oder direkt zu Besen, Matten und Stuhl- bzw. Bettbespannung verarbeitet.
Nach einer externen Evaluierung, die im Sommer 2008 stattfand, konnte die Zahl der Familien, die ganzjährig ausreichend Nahrungsmittel aus eigener Produktion zur Verfügung hat von 114 auf 532 gesteigert werden. Das bedeutet eine Vervierfachung innerhalb von nur vier Jahren. Für den Familienzusammenhalt ist die Tatsache wichtig, dass die saisonale Migration um 75 Prozent reduziert werden konnte. Die Menschen haben nun im Tonto Block ganzjährig Arbeit oder verdienen in den Anbauzeiten so viel Geld, dass sie auch die Dürremonate mit Vorräten und Erspartem überstehen können.
Spar- und Kreditgruppen und Frauenförderung
Erspartes - das ist ein wichtiges Stichwort im Rahmen der Projektarbeit: Parallel zu den "Watershed Management Programmen" wurden in allen Dörfern Spar- und Kreditgruppen aufgebaut. Dem Kleinkreditansatz des Friedensnobelpreisträgers Mohammad Yunus folgend haben sich nach anfänglichen Problemen in allen 36 Gemeinden starke und wirtschaftlich erfolgreiche Frauenselbsthilfegruppen entwickelt. Der geringe Alphabetisierungsgrad der Ho machte es anfangs schwer, doch intensive Schulungen und der unermüdliche Einsatz der örtlichen indischen Projektmitarbeiterinnen der Trägerorganisation Catholic Charities haben sich ausgezahlt. Fast alle Gruppen haben mittlerweile einen soliden Grundstock an eigenen Ersparnissen zusammengetragen. Viele haben bei lokalen Banken ein Konto eröffnet und z.T. Kredite und nicht-rückzahlbare Zuschüsse aus staatlichen Programmen erhalten. Des Weiteren beginnen Frauen, zumeist abhängig von der Entfernung zu lokalen Märkten, eigene kleine Geschäftsideen mit Krediten der Gruppen bzw. aus Projektmitteln zu verwirklichen.
Seifenproduktion, Tierhaltung und Bildung
Beispiele für Gruppenaktivitäten sind die gemeinsame Produktion und Vermarktung von Seife, wie in der Selbsthilfegruppe von Pangla Hembron, oder die individuelle Investition in Kleintierhaltung. Mayka Laguri aus Suiamba etwa hat einen Kleinkredit in Höhe von 900 Rupien (ca. 15 Euro) genutzt und sich eine Ziege, zwei Hühner und einen Hahn gekauft. Obwohl die Ziege schon nach wenigen Wochen starb, blieb Mayka mit der Hühnerzucht auf der Gewinnerseite. Mittlerweile ist sie stolze Besitzerin von mehr als 100 Hühnern. "Selbst für nicht ausgewachsene Hühner bekomme ich 40 bis 50 Rupien (ca. 70 - 85 Eurocent). Das ist ein guter Preis. Wenn ich das Geld für den Bus investiere und zu weiter entfernten Märkten fahre, bekomme ich sogar bis zu 80 Rupien", berichtet die Bäuerin stolz.
Den Kredit hat sie längst zurückgezahlt. Ihre Einnahmen hat sie in die Vergrößerung ihres Tierbestandes und in die Erziehung ihrer Kinder investiert. Damit ihre Kinder zur Schule gehen können, hat sie ihnen Fahrräder gekauft, mit denen sie nun zu der einzigen weiterführenden Schule in Tonto fahren können. Insgesamt belegt eine externe Projektevaluierung, dass die Zahl der Schulabbrecher deutlich zurückgegangen ist und die Eltern mehr Wert auf Bildung legen. Erstaunlich ist, dass - trotz oder vielleicht gerade wegen der einsetzenden wirtschaftlichen Entwicklung und der zunehmenden Bedeutung von Bildung - die Geburtenzahlen rückläufig sind.
Ein gutes Geschäft: Seidenraupenzucht
Seidenraupenzucht ist eine der neuesten Errungenschaften in den Dörfern des Tonto Block. Unterstützt von einem Förderprogramm der lokalen Regierung hat eine Frauengruppe in Suiamba damit begonnen, Seidenraupen zu züchten. Die Raupen werden in den lokalen Wäldern ausgesetzt und da die Tiere nicht selbst von Baum zu Baum wandern, müssen sie per Hand umgesetzt werden. Das ist ein aufwändiges Prozedere, aber der Profit ist nicht zu unterschätzen: Pro Kokon wandern 1,5 bis 2 Rupien in die Kasse der Frauengruppe. Das klingt erst einmal wenig, ist aber bei einem finanziellen Einsatz von nahezu Null ein gutes Geschäft.
Fazit
Trotz der unbestrittenen Fortschritte konzentrieren sich die beschriebenen Entwicklungen stark auf die Orte, die von der Unterstützung von außen profitieren. Andere Gemeinden blicken mit Anerkennung und auch ein wenig Neid auf Renghrahatu, Telekutti und Suiamba, in denen in den vergangenen Jahren der systematische Watershed Management Ansatz verwirklicht worden ist. Angesichts beschränkter Mittel war dies auch intendiert: Zunächst nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgehen sondern durch einen konzentrierten und systematischen Ansatz lebende Beispiele und Erfolgsmodelle schaffen, die dann an anderer Stelle kopiert und multipliziert werden können. Der Ansatz greift, denn in begrenztem Umfang haben Bauern unmittelbar angrenzender Dörfer begonnen, Felder einzuebnen, Sabbai-Gras anzupflanzen und Kompostierungsgruben anzulegen - Dinge also, die ohne großen finanziellen Einsatz zu realisieren sind. Für kostenintensive Maßnahmen, wie die Anlage von Staubecken und anderen Wasserspeicherstrukturen und externen Sachverstand ist jedoch weiterhin Unterstützung von außen nötig.









