Karl Kübel Stiftung und 'Bensheim hilft' ziehen positive Zwischenbilanz bei Wiederaufbauprojekt im nordostindischen West Bengalen: ohne Almosen, doch mit tatkräftiger Hilfe zur Selbsthilfe
Von Ralf Tepel, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
Seit August 2007, nach schweren Unwettern und Überschwemmungen, unterstützt der Verein Bensheim hilft zusammen mit der Karl Kübel Stiftung ein Wiederaufbauprojekt in der Region Patashpur für die dort lebenden Menschen - zumeist landlose Landarbeiterfamilien und Kleinbauern.
2008 besser vorbereitet als 2007
Das satte Grün der Reisfelder erstreckt sich zwischen einzelnen Hütten und Bambuswäldern bis zum Horizont, die Flüsse fließen in geregelten Bahnen - ein typisches Bild Mitte November in diesem knapp über dem Meeresspiegel liegenden fruchtbaren Land. Nachdem dieser Teil Indiens 2007 von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurde, kam es im Sommer 2008 erneut zu Überflutungen. Doch dieses Mal waren die Menschen besser vorbereitet.
Im Fokus des gemeinsamen Projekts standen Wiederaufbau zerstörter Häuser, Wiederbeschaffung von Saatgut, Förderung der Kleinviehhaltung und der Fischzucht sowie die Förderung lokaler Selbsthilfestrukturen mit Hilfe von Kleinkrediten. Die Menschen sollten künftig besser gegen Naturkatastrophen gewappnet sein. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Nach nur 16 Monaten hat der Wiederaufbau deutliche Fortschritte gemacht.
Hilfe zur Selbsthilfe
Frauen einer Selbsthilfegruppe aus dem kleinen Ort Pashim Kashba sind stolz auf ihren neuen Getreidespeicher, an dem sie tatkräftig mitgeholfen haben. Eine Frau stellte das Grundstück zur Verfügung, andere haben sich mit Baumaterialien und ihrem persönlichen Arbeitseinsatz beteiligt. In dem 3 x 2 x 2 Meter hohen Speicher aus Beton, Bambus, Lehm und Eternit können bis zu 3.600 Kilogramm (kg) Reis eingelagert werden. Der Boden steht zum Schutz vor Überschwemmungen auf Betonpfeilern 80 Zentimeter über der Erde. Die Kosten für den Bau betragen etwa 100 Euro, von denen zwei Drittel Bensheim hilft und ein Drittel die Frauen beigetragen haben. Die Vorräte sind für Dürre- und Notzeiten vorgesehen.
Menge kontinuierlich steigern
Jede Frau lagert eine bestimmte Menge Reis ein. Wird dieser in Dürrezeiten, in denen die Marktpreise hoch sind, entnommen, erfolgt das nach dem Kreditprinzip: Für 40 kg Entnahme müssen 50 kg nach der Ernte wieder eingelagert werden. So haben Familien ohne eigene Lagerkapazitäten in Zeiten knapper Nahrungsmittel Zugriff auf günstigen Reis. Zur Erntezeit, wenn die Reispreise niedrig sind, führen sie ihren "Kredit" in den Speicher zurück. Nach diesem Prinzip wird in Zukunft die verfügbare eingelagerte Reisemenge kontinuierlich steigen. Der Gruppe nicht angehörige "Kreditnehmer" müssen 55 kg Reis zurückgeben. Damit ist speziell für arme Landarbeiterhaushalte eine wichtige Basis zum Überleben geschaffen. Sie hatten bislang kaum eine Möglichkeit, größere Reismengen zu lagern.
Wiederaufbau der Häuser
Des Weiteren wurden 55 Häuser wiederaufgebaut, 80 weitere nachhaltig repariert. Es wurde in eine stabile Statik investiert, die Überschwemmungen standhält. Traditionelle Lehmhütten wurden mit Betonpfeilern stabilisiert, Dächer wurden nicht mit Stroh sondern mit Eternit-Wellplatten gedeckt. Auch hier konnten die Arbeiten mit den Krediten und dem Engagement der Menschen verwirklicht werden.
Neue und sogleich intensiv genutzte Wasserfilter haben dazu beigetragen, dass Durchfallerkrankungen deutlich abgenommen haben.
Engagement der Menschen
Hilfe zur Selbsthilfe ist in Not- und Krisensituationen der Schlüssel zum Erfolg. Viele Maßnahmen der letzten Monate wären ohne die aktive Mithilfe der Menschen nicht möglich gewesen. Auf ihren Gesichtern kann man ablesen, wie stolz sie darauf sind. Innerhalb von nur 16 Monaten haben sich 308 Frauen und 255 Männer in Frauenselbsthilfe- und Bauerngruppen organisiert. Die Frauen konnten 108.380 Rupien (ca. 1.800 Euro), die Bauern-gruppen 61.895 Rupien (ca. 1.000 Euro) ansparen. Für Menschen, die von kleinsten, unregelmäßigen Einkommen leben müssen, ist das eine enorme Leistung.
Sparen und Kredit
Von den Krediten wurden bereits mehr als 50 Prozent zurückgezahlt. Dem lokalen Projektpartner, die gemeinnützige Organisation Kajla Janakalyan Samithi (KJKS), war es wichtig, die Menschen nicht zu Almosenempfängern zu machen: "Sie sollen und müssen in Krisenzeiten Unterstützung bekommen, aber sie sind auch in der Lage, sie in Zeiten der Ernte zurückzuzahlen", so Swapan Panda, Leiter der Organisation. Die Rückzahlungen gehen nicht an KJKS; es werden Gemeinschaftskonten eingerichtet, aus denen die Gruppen später wieder Kredite entleihen können. So kann das System privater Geldverleiher mit Wucherzinsen komplett abgelöst werden. Diese Erfolgsgeschichte möchte KJKS zusammen mit Bensheim hilft und der Karl Kübel Stiftung fortsetzen.
Nächste Schritte
In der nächsten Phase sollen besonders erfolgreiche Komponenten ausgeweitet werden: Bau weiterer Getreidespeicher, Ausweitung organischer Landwirtschaft, Förderung von Gemüseanbau durch Frauengruppen und Fischerei. Die Selbsthilfegruppen sollen weiter geschult werden, so dass sie ihre Bücher selbst führen, Kredite selbst verwalten und Verhandlungen mit Banken und Regierungsvertretern führen können.
Die Erfolge machen Mut für die Zukunft; und eines ist aus Perspektive der Karl Kübel Stiftung besonders wichtig: Die Hilfe kommt auch bei den Kindern an. Bessere Ernährung, sauberes Trinkwasser, sichere Häuser und mehr Geld für Bildung sind schon jetzt sichtbare Ergebnisse des Projekts.









