Ländliches Mangrovenschutz- und Einkommensprojekt
Referenten der Karl Kübel Stiftung ziehen Bilanz beim von der Stiftung geförderten Projekt zum Erhalt der dezimierten Mangrovenwälder, der natürliche Lebensraum der Menschen in den Sunderbans
Zum Projekt
Das in Rangabelia, West Bengalen, im Grenzbereich zu Bangladesch, angesiedelte Projekt operiert in einer ökologisch und ökonomisch anfälligen Region. Die hohe Bevölkerungsdichte mit Folgen wie Überausbeutung und illegale Nutzung der natürlichen Ressourcen belasten Menschen und Umwelt.
Das Vorhaben verfolgt verschiedene Zielsetzungen, die Familien zu einer gesicherten Lebensgrundlage verhelfen sollen. Auf Grundlage lokaler Basisstrukturen wie Selbsthilfegruppen sollen Projektmaßnahmen beitragen zur nachhaltigen Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge, Identifizierung und Entwicklung von Einkommen schaffenden Maßnahmen, Aufforstung und Verdichtung von Mangrovenbeständen.
Ziel des Besuchs
Die Referenten wollten erfahren, welche Fortschritte zu verzeichnen sind, welche Maßnahmen nicht oder nur begrenzt umgesetzt werden konnten, um einen erfolgreichen Projektverlauf zu gewährleisten. Auch der Vertreter der indischen Koordinationsstruktur und Mitarbeiter der Partnerorganisation „Tagore Society for Rural Development" (TSRD) nahm teil. Bereits im Vorfeld wurde von TSRD signalisiert, dass es Schwierigkeiten bei der Wiederaufforstung einiger Mangrovenarten gab.
TSRD ist eine engagierte, sachkundige Organisation, die sich seit 1970 für die Belange bedürftiger Bevölkerungsgruppen in Ostindien einsetzt. Tushar Kanjilal, Gründer und Leiter der Organisation, hatte vor 30 Jahren ein noch heute bestehendes Schulzentrum in Rangabelia aufgebaut. Seine Tochter Tania Das führt sein Lebenswerk als ehrenamtliche Beraterin von TRSD fort. Auch sie und der Projektkoordinator haben die Reise begleitet.
Eruierung der Ergebnisse
Es konnten umfangreiche Eindrücke über Projektaktivitäten und erste Wirkungen gewonnen werden. Interviews und Gespräche mit Mitgliedern z.B. von Spargruppen sowie Begehungen verschiedener Standorte haben dies ermöglicht. In einer abschließenden Besprechung wurden die Ergebnisse vorgestellt und weitere Vorgehensweisen festgelegt.
Alle Projektmaßnahmen haben sich auf Grund der Panchayat Wahlen im März 2008 verzögert. Einen Monat vor Wahlbeginn durften keine Aktivitäten laufen, um zu verhindern, dass eine Partei Entwicklungsmaßnahmen zu ihren Gunsten instrumentalisiert. Im März 2009 gibt es erneut Wahlen; von ähnlichen Auswirkungen ist auszugehen. Weitere Gründe für eine Verzögerung sind starke, zum Teil zeitlich versetzte Monsunregen und verspätete Auszahlungen an die Partnerorganisation.
Wesentliche Erkenntnisse: Bildung und Förderung von Basisstrukturen
Die Bildung von Basis-, Spargruppen und Baumschutzkomitees ist planmäßig verlaufen. In allen Projektdörfern bestehen diese Gruppen, die noch auf Unterstützung angewiesen sind.
ufgabenverteilungen, Kriterien für eine Kreditvergabe, Beurteilung von möglichen Einkommen schaffenden Maßnahmen werden gemeinsam mit einem Vertreter von TRSD erarbeitet. Protokolle aller Treffen belegen die regelmäßige Teilnahme der Mitglieder, vor allem der Frauen.
Anfangs gab es Schwierigkeiten mit Dörfern, die nicht in die Projektmaßnahmen einbezogen wurden und auch gern von ihnen profitiert hätten. Hier bedurfte es Aufklärungs- und Schulungsarbeit. Die Offenlegung der Selektionskriterien (besonders bedürftige Familien, überdurchschnittlich unterentwickelte Infrastruktur) hat dazu beigetragen, Konflikte zu verhindern.
Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge
Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft sind vor allem über eine zuverlässige Zufuhr von Süßwasser zu erreichen. Regenwassertanks, Becken und Brunnen sind die einzigen Möglichkeiten zur Gewinnung. Das Wasser wird für Bewässerung, Fisch- und Garnelenzucht und Haushaltsbedarfe genutzt. Die Instandsetzung bestehender Becken ist ein Schwerpunkt des Projekts; das Ziel von 80 Becken war bereits im Oktober 2008 erreicht. Dies ist vor allem auf die Mithilfe der Dorfbewohner zurückzuführen, die alle Ausschacht- und Säuberungsarbeiten übernommen haben - ein klarer Indikator für „ownership". Weitere Aktivitäten sind Hühnerzucht, verbesserter Reisanbau, Eigenproduktion organischen Düngers und Projekte in der Lebensmittelverarbeitung.
Entwicklung von Einkommen schaffenden Maßnahmen
Die Identifizierung und Durchführung von Maßnahmen, die einer Familie nachhaltig eine gesicherte Existenz gewährleisten, ist nicht einfach. Märkte sind schwer zu erreichen, Nischenprodukte wie Wildhonig sind nur in geringen Mengen zu ernten. TRSD verfolgt die Strategie, an vorhandenen Potentialen anzusetzen. Es gilt, dass alle Unterstützungen materiell und auf Kreditbasis zur Verfügung gestellt werden. Das soll gewährleisten, dass die Mittel sachgerecht verwendet werden. Rückzahlungen tragen zur Nachhaltigkeitsorientierung bei.
Erste Ergebnisse der Aktivitäten lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Schulungen für Fisch- und Garnelenzucht müssen aus mehreren zeitlich versetzten Modulen bestehen, so dass Erfahrungen aus der Praxis bearbeitet werden können.
- Die aus Bangalore importierten Hühner liefern einen mindestens 100 Prozent höheren Eierertrag als lokale Rassen, erfordern aber intensivere Pflege und angereichertes, relativ teures Futter.
- Genaue Kosten-Nutzen- bzw. Gewinn- und Verlust-Analysen fehlen bei allen Maßnahmen; Aussagen über Gewinnspannen sind nicht möglich. Hier muss das Projekt nachbessern, denn einfache Geschäftspläne sollten immer vor Beginn von Maßnahmen erstellt werden.
Fazit: 750 Familien sind derzeit in Einkommen schaffende Maßnahmen eingebunden. Der Schulungsbedarf ist höher als erwartet. Inwieweit diese Maßnahmen nachhaltig zur Existenzsicherung der Familien beitragen, bleibt abzuwarten.
Aufforstung und Verdichtung von Mangrovenbeständen
In den letzten Jahren hat die Küstenerosion in den Sunderbans massiv zugenommen. Hauptursache ist die illegale Abholzung: Mangrovenholz ist hart und resistent, also sehr beliebt als Bau- und Möbelholz. Hinzu kommt die Nutzung der Küstenränder als Weideland für Ziegen und zur Fischzucht in improvisierten Teichen. Bei Hochwasser halten die erodierten Dämme dem Druck häufig nicht stand, so dass die hinter den Dämmen liegenden Felder von salzhaltigem Wasser überspült werden und für zwei Jahre nicht für Anbauzwecke genutzt werden können.
Wiederaufforstung kann wesentlich zum Küstenschutz beitragen und so die Lebensgrundlage der ansässigen Menschen sichern. Das Projekt fokussiert auf den Aufbau von Baumschulen und die Anlage von jungen Mangrovenflächen - vor allem bedrohter Arten - an extrem gefährdeten Stellen.
Zu Projektbeginn gab es einige Anlaufschwierigkeiten, die zur Verzögerung führten:
- Die im Wasser schwimmenden Samenkapseln werden von Kindern aufgefischt und an das Projekt verkauft. Durch den verspäteten Beginn war die Hauptsammelsaison verstrichen; es standen nicht genügend Samen zur Verfügung.
- Die Baumschulen hatten keinen Zugang zu adäquaten Düngemitteln.
- Ein bengalischer Tiger ist in eine Baumschule eingedrungen und hat erheblichen Schaden an den jungen Setzlingen verursacht.
2008 konnte rechtzeitig mit dem Sammeln der Samenkapseln begonnen werden, so dass ausreichend Samen zur Verfügung standen. Mit den Gefahren, die durch zahlreiche Krokodile in den Gewässern verbunden sind, gehen Kinder und Erwachsene sorgsam um.
In Baumschulen werden die Samen zum Auskeimen mit feuchtem Stroh bedeckt. Die Schösslinge werden nach drei bis vier Wochen in Behälter gepflanzt, in denen sie in den kommenden zwei Monaten zu Baumsetzlingen heranwachsen. Diese werden an besonders gefährdeten Stellen ausgepflanzt. Die Überlebensrate in den Baumschulen liegt durchschnittlich bei 80 Prozent.
Probleme und Erkenntnisse
Angesichts fehlender Dokumentation über Mangrovenzucht und Wiederaufforstung wurde mit dem Projektpartner vereinbart, eine Digitalkamera anzuschaffen, mit deren Hilfe eine wöchentliche Bestandsaufnahme erfolgen soll. So können Erkenntnisse über fördernde und behindernde Faktoren gewonnen werden.
Ein massives Problem stellen frei laufende Ziegen dar. TRSD versucht, diesem Problem mit Aufklärungskampagnen zu begegnen: Die Bevölkerung muss sich für das Überleben der Baum- und Setzlingsbestände verantwortlich fühlen, eine - wie es in der Entwicklungszusammenarbeit heißt - „ownership" übernehmen. Nur dann können Projektmaßnahmen erfolgreich sein.
Insgesamt haben die Referenten den Eindruck, dass das Projekt in allen Bereichen engagiert und fachkundig arbeitet. Besonders hervorzuheben ist die Offenheit, mit der Schwierigkeiten und Abweichungen von Planungsvorgaben angesprochen wurden.










